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26.
MRZ

Beiträge, die euch entgangen sind …

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… weil sie sich einfach nicht durch das Sieb des Alltags pressen ließen:

  1. der Beitrag über Susan Sontags Buch “Das Leiden anderer betrachten” (2003): ein Buch über Kriegsfotografie, die Darstellung von Leiden, die Illusion des Konsensus zwischen den Betrachtern, die Rezeption und Bewertung von Fotos aus Krisengebieten. Ein Thema, von dem ich anfangs dachte: “Ach, darüber wissen wir doch schon alles!” Weit gefehlt. Die große Theoretikerin der Fotografie hat sich hier ausgesprochen kluge Gedanken gemacht, die zur Abwechslung ganz untheoretisch daherkommen. Empfehlenswert! (Im Perlentaucher sind noch die Rezensionen nachzulesen. Ein interessanter Film im Zusammenhang mit dem Buch ist übrigens Clint Eastwoods “Flags of our Fathers” über die Geschichte des berühmtesten Kriegsfotos aller Zeiten.)
    ****
  2. der Beitrag über “Gold der Tundra” von Juri Rytchëu: der Roman eines Tschuktschen, der über weite Strecken eigentlich kein Roman ist, sondern eine Art erzählte Ethnographie. Was mich sonst eher abschreckt. Die Faszination und Trauer über Geschichte und Gegenwart dieses hierzulande ziemlich unbekannten Volks ließen mich das Buch dann doch von vorn bis hinten durchlesen. Gekauft habe ich es, weil ich irgendwann mal einen Thriller über einen Agenten las, der auf seiner Flucht durch Asien auch durchs Land der Tschuktschen kam. Leider konnte ich den Roman nicht mehr ausfindig machen. Sachdienliche Hinweise zur Identifizierung nehme ich gern entgegen. Ich würde das Buch glatt nochmal lesen.
    ***
  3. der Beitrag über den argentinischen Tango, den J. und ich uns seit einigen Wochen in die Beine zu prügeln versuchen. So …Tango Argentino

    (Foto von Michael Takanzariti. Siehe Lizenzbestimmungen)

    … siehts bei uns leider noch nicht aus und wirds wohl auch nie, denn dafür fehlt uns die natürliche Eleganz ;-). Interessant daran ist vor allem, wie schwierig es für Männer ist zu führen und für Frauen, sich führen zu lassen. Jenseits aller gegenteiligen Mythen und Märchen!

  4. der Beitrag über das Wirtschaftsmagazin brand eins, das sich spannender liest als der Wirtschaftsteil der Tageszeitung, die Hintergrundberichte von taz und FR und diverse volkswirtschaftliche Studien zusammengenommen. Und das Schönste: Das gesamte Archiv ist kostenlos online zugänglich, der Schwerpunkt des jeweiligen Hefts lässt sich auch anhören statt lesen. Aktueller Schwerpunkt: Spitzenkräfte – unter dem schönen Titel “Diven-Dämmerung“.
    *****
  5. der Beitrag über das Literaturmuseum der Moderne in Marbach, das definitiv einen Besuch wert ist. Innovative Präsentation eines Themas, das sich eigentlich gar nicht präsentieren lässt, weil Literatur ja wahlweise “Axt für das gefrorene Meer in uns” (nicht suchen, Kafka lesen!) ist oder: Kopfkino. Zum Besuch, davor oder danach, empfiehlt sich der Katalog “Denkbilder und Schaustücke”, in dem einige kluge Schreiberlinge ihre Lieblings-Exponate be-schreiben und auch sonst noch viele schöne Worte fallen.Limo bei Nacht
    ****½
  6. der Beitrag über den Niedergang der Frankfurter Rundschau, den ich eigentlich auch gar nicht schreiben will, weil das Faktum, das er beschreibt, mich so frustriert. Warum, o geliebte langjährige Begleiterin, lässt du mich im Stich? Warum verwirfst du deine Redakteure, schrumpfst dein Feuilleton, warum verkaufst du dich, warum verlegst du dich aufs Tabloid? (Schreckliches Wort, das mich alte Anglophilia immer nur an den englischen Ausdruck “tabloid press” erinnert, nicht gerade ein Synonym für Qualitätsjournalismus. Also, mit dem Format kann ich mich abfinden, aber nicht mit dieser Bezeichnung, Fachbegriff hin oder her.) – Leider muss ich berichten, dass ich in letzter Zeit zunehmend zur Süddeutschen greife. Sie war mir nie sonderlich sympathisch, aber das Feuilleton ist toll. Anderes an dieser Zeitung leider auch.
    **

23.
FEB

Pingpong: Ein Kammerspiel von Tod und Talent

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Eintrittskarte zum Film Pingpong

Eigentlich versammelt der Regisseur hier ziemlich viele Klischees, ging mir durch den Kopf, als ich nach dem Film nach Hause radelte. Und doch schafft er es, mit, trotz und neben diesen Klischees eine glaubwürdige Geschichte zu erzählen. Mit seinem ruhigen und dabei nie langweiligen Tempo, den fast klassischen Einschränkungen von Ort (Haus und Garten der Familie, ein Waldweg, ein See), Zeit (eine Woche im Sommer) und Personenzahl (vier Personen und ein Hund) und den spannungsgeladen Beziehungen fesselt er sein Publikum.

Stefan und Paul begegnen sich nicht

Paul und sein Vater begegnen sich nicht.
(Alle Medien sind Pressematerial des Arsenal-Verleihs. Fotograf: Steffen Junghans)

Die Geschichte: Paul hat vor kurzem seinen Vater verloren. Er besucht seinen Onkel Stefan, der mit seiner Frau Anna und Sohn Robert in dem Haus wohnt, in dem Paul aufgewachsen ist. Die Familie nimmt Paul zunächst nur widerwillig auf, zumal er Anstalten macht, sich häuslich einzurichten.

Bald wird klar, dass Anna einer aus ungeklärten Gründen misslungenen Pianistinnenkarriere nachtrauert und darum den begabten Robert zum Musikstudium treibt. Er soll “den Berg” nach ihren Vorstellungen “erklimmen”. (Roberts Vorspielstück für die Aufnahmeprüfung ist eine Sonate von Alban Berg, und ironischerweise teilt der hervorragender Darsteller, Clemens Berg, auch im wirklichen Leben Pianist, den Nachnamen mit dem Komponisten). Ihr unbefriedigendes Eheleben (Hausfrauenrolle mit stets abwesendem Gatten) kompensiert sie durch Karriereplanung für Robert und kaum verhüllte Liebesspiele mit dem Riesenschnauzer Schumann (!).

Paul muss sich erst in dieser konfliktgeladenen Familie zurechtfinden und gerät denn auch schnell zwischen die Fronten. Seine wachsende Zuneigung zu Anna lenkt ihn von der Erkenntnis ab, dass diese ihn für ihre Zwecke ausnutzen will, wie dieses Hörbeispiel zeigt:

Bald nach Pauls Ankunft verschwindet Stefan für eine Woche auf Dienstreise. Die Beziehungen zwischen den drei Daheimgebliebenen werden enger: Paul und Robert freunden sich zögernd an, müssen sich dafür aber dem klammernden Zugriff Annas entziehen. Sie zelten zusammen am See (steht der nitratverseuchte Teich für das unterdrückte Unterbewusste, in dem man nicht baden darf?) und kommen über den Selbstmord von Pauls Vater ins Gespräch: Eine der intensivsten Szenen des Films.

Das Nervige, Gekünstelte, Aufdringliche der Figur, die Marion Mitterhammer spielt, droht sich auf den Eindruck von der Leistung der Schauspielerin zu übertragen. Ich musste ihr aber im Laufe des Films zugestehen, dass sie Annas Gebrochenheit sehr gut verkörpert.

Robert, der sensible Künstler, kommt mit den unterdrückten Emotionen in der Familie nicht klar und ernährt sich von weißem Rum in einer Mineralwasserflasche. Sein Vorspiel an der Musikhochschule endet dann auch in einem Fiasko. Ebenso wie der Beziehung zwischen Anna und Paul, die am Ende über den Hund ausgetragen wird. Hervorragend dargestellt auch Annas Eifersucht auf Pauls und Roberts beginnende Freundschaft, symbolisiert durch das Tischtennisspiel, das Anna am Ende zerstört.

Der Film, der Matthias Luthardt da gelungen ist, überzeugt durch seine sensible Regie und die hervorragenden Schauspieler, allen voran Sebastian Urzendowsky und Clemens Berg, deren intensives Spiel den Film trägt. Die etwas übertrieben symbolisierte Bildsprache hat mich eigentlich erst im Nachhinein gestört (der saure See, die zerstörte Tischtennisplatte, Kirschbaum, der Hund als Ersatz-Liebesobjekt, der Kirschbaum als Andenken, das beschnitten werden muss). Sie wird wett gemacht durch die Zurückhaltung in Tempo, Ausstattung und Sprache. Ein unbedingt sehenswerter Film.

Weitere Informationen, Fotos und Sounddateien sowie den Trailer gibt es beim Verleih:

Infos zu Pingpong beim Arsenal-Verleih

 

Schauplatz-Bewertung:

***½

13.
FEB

Zeitschriften-Mauerbluemchen 1: Chrismon

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In den Zeiten von Internet, Web 2.0 und so weiter vergisst mancher leicht, dass Lesen auf Papier, ganz ohne Strom, viel gemütlicher und beruhigender ist als das doch immer irgendwie flüchtige Scannen von Seiten im Internet. Ich drucke mir darum gerne interessante Fundstücke aus dem Netz aus und lese sie auf dem Weg ins Büro in der S-Bahn, auf dem Klo oder ganz klassisch im Sessel, mit Stehlampe, Tee und Keksen nebendran. Das Ganze geht natürlich noch viel besser mit Zeitschriften, denn man kann viel besser blättern, hat keine losen Seiten, und sie sind auch noch aus einem Guss. Wenn sie gut sind.

Unter den Zeitschriften gibt es so manch unscheinbares Gewächs, das von vielen gelesen und geschätzt wird, aber nicht so richtig als beeindruckende Quelle à la “Hab ich im SP…GEL gelesen” zu taugen scheint, einfach weil es niemanden beeindruckt, bekennender Zeitschriften-Mauerblümchen-Leser zu sein. Eines dieser Zeitschriften-Mauerblümchen ist die “Chrismon”.

Chrismon: kurz vorgestellt

Die “Chrismon” erscheint in monatlichem Rhythmus als Beilage in der ZEIT, der Frankfurter Rundschau, der Sächsischen Zeitung, der Süddeutschen und im Tagesspiegel mit den Potsdamer Neuesten Nachrichten. Sie ist ein evangelisches Magazin und wird vom Landesbschiof Dr. Johannes Friedrich, dem MdB Hermann Gröhe, Bischof Prof. Dr. Wolfgang Huber und Landesbischöfin Dr. Margot Käßmann herausgegeben. Du liebe Güte, ist man versucht zu sagen, und so eine Zeitschrift soll interessant oder gar spannend sein?

Themen: Aus dem Leben gegriffen

Genau das ist sie aber. In der Chrismon werden Themen verhandelt, die teils in engerem, oft aber in sehr weit gefasstem Sinn mit Religion zu tun haben. Oft genug geht es einfach um das Leben und die Menschen, um das Leben der Menschen. Themen, die nachdenklich machen, die man in anderen Medien nur sporadisch findet, die eher zur Aufmerksamkeit für sich selbst und andere “erziehen” als ausdrücklich zum Glauben.

Plädoyer für Kaffeepausen

Die aktuelle Ausgabe zum Beispiel titel mit dem Beitrag “Bin gleich zurück”. Teaser:

Sendepause. Sonntagsruhe. Siesta. Solche festen Auszeiten sterben langsam aus, denn wir sind immer online. Der moderne Mensch muss sie selber setzen: die Pause.

Der Artikel von Ursula Ott fällt nun nicht etwa mit der Tür des dritten Gebots ins Haus (”Du sollst den Feiertag heiligen”), sondern geht zunächst darauf ein, dass und warum die Finnen das deutsche Wort “Kaffeepause” in ihre Sprache übernommen haben. Das Wort sei ausgewandert, und mit dem Wort schleiche sich auch gleich “die ganze Pause davon”. Nach einer kurzweiligen Erörterung der Pausenkultur in Finnland geht es ganz handfest mit der Geschichte der Pause als gewerkschaftliche Errungenschaft weiter. Und die Folgen der beschönigend so genannten “Flexibilisierung” der Arbeitszeit für das moderne Leben werden erörtert. Am Schluss des Artikels steht das neue Wort für die “neue Freiheit”: die “Zeitsouveränität”. Und in klassischer Reportagetechnik schlägt die Autorin einen Bogen zum Anfang:

Hallo Finnland, nur mal vorsorglich: die “Zeitsouveränität”, die bleibt aber hier in Deutschland. Wir suchen nur noch ein schöneres Wort dafür.

Natürlich wird das Wertesystem der Autorin in diesem Artikel, werden die Werte der Zeitung in der Zeitschrift nicht unterschlagen. Aber der moralische Zeigefinger fehlt völlig. Am Ende des Pausen-Artikels findet sich ein lediglich Link zu der Aktion “7 Wochen ohne“, die jährlich wiederkehrende Fastenaktion der Evangelischen Kirche, die 2007 unter dem Motto “Atempause” steht. Dem Link kann die Leserin folgen oder auch nicht.

Nachdenkliches mit Tiefgang

Der Artikel ist nicht unbedingt eines der Glanzlichter im Chrismon, stellt innerhalb des hohen Niveaus der Zeitschrift guten Durchschnitt dar. Noch besser gefallen mir Geschichten von Menschen, die etwas Besonderes tun oder besondere Erfahrungen gemacht haben – Geschichten, die in “gewöhnlichen” Tages- oder Wochenzeitungen unter der Rubrik “Leben” oder “Modernes Leben” erscheinen würden. In der Chrismon haben solche Texte, wie mir scheint, noch ein kleines Quentchen mehr Tiefgang.

In der aktuellen Ausgabe ist dies die Reportage mit dem Titel “Tilmanns Welt” über einen Schulverweigerer, seine Eltern in einer vorpommerschen Landkommune, und über Tilmanns Werdegang nach seiner Entscheidung, nicht mehr zur Schule zu gehen, die er im Alter von neun Jahren traf.

Müdes Redaktionsblog

Neben den großen Artikeln gibt es in der Chrismon noch “beilagenübliche” Bestandteile wie Kommentare des Chefredakteurs, Umfragen, Interviews und Leserbriefe. Im Online-Auftritt der Zeitschrift kann man ausgewählte Artikel nachlesen, und es gibt sogar Blogs, die mich aber nicht so überzeugen. Hier könnte noch mehr getan werden. Die Leserschaft der Chrismon mag nicht gerade die internet-affinste sein. Aber um ein Blog zum Leben zu erwecken, muss man etwas mehr Aufwand treiben …

Prädikat: empfehlenswert

Fazit: Eine moderne Zeitschrift mit modernen Themen ohne moralischen Zeigefinger – hohes journalistisches Niveau. Hier werden keine Patentrezepte für Weltprobleme angeboten, sondern Fragen gestellt, die innehalten lassen. Prädikat: empfehlenswert!

*****

18.
DEZ

Alte und neue Bekannte: vom Hörensagen

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Die Welt (des Internet) ist klein, und endlich trägt meine Bloggerei einmal richtig angenehme Früchte. Glenn Gould, Georg Waßmuth und ich treffen uns in den Weiten des Cyberspace und im Netz aus Musik, Radio und Literatur.

Doch von Anfang an: Im Sommer berichtete ich an dieser Stelle vom Klangpark auf dem Killesberg und illustrierte meinen Bericht mit ein paar Fotos, die ich dokumentierenderweise gemacht hatte. Gestern nun schrieb mich der Musikjournalist Georg Waßmuth an, der eine O-Ton-Collage des Klangparks mit einem meiner Bilder illustrieren wollte, wogegen ich natürlich nichts hatte. Auf seiner Seite kann man sich die hörenswerte Collage zu Gehör führen.

Ich entdeckte dann auch, was er sonst noch so macht: viel Interessantes, und eines, was mich als alten Glenn-Gould-Fan besonders interessierte: ein Feature über Thomas Bernhard und Glenn Gould. Unter dem Titel “Man ist ja die Ursache allen Übels selbst – Der österreichische Schriftsteller Thomas Bernhard und der kanadische Pianist Glenn Gould. Zwei Lebensentwürfe in Extremen” hat er für den SWR ein hervorragendes Hörstück inszeniert, man möchte fast sagen: komponiert. Soeben habe ich es mir in voller Länge angehört.

Erster Eindruck: Hervorragende Sprecher, besonders Achim Höppner als Ich-Erzähler von Bernhards “Der Untergeher” beeindruckt. Einfache, aber äußerst wirkungsvolle Idee, Glenn Gould, den Fan nächtlicher Ferngespräche, als Telefonstimme auftreten zu lassen. Das Feature verbindet Zitate Goulds mit solchen aus dem Untergeher und aus Interviews mit Thomas Bernhard aus den 1980er Jahren. Ich muss allerdings sagen, dass ich die Interview-Zitate Bernhards vielleicht etwas zusammengestrichen hätte, sind sie doch teils von bedauernswerter Banalität, wie etwa dieses:

Ich habe eine völlig normale Einstellung zum Leben, wie alle anderen normalen Menschen auch wahrscheinlich, ne? Sie ist nicht nur negativ, aber sie ist eben auch nicht nur positiv, ne? Denn man begegnet ja ununterbrochen allem. Das macht ja das Leben aus. Nur negativ das gibt es ja gar nicht - das ist ja Blödsinn. Aber es gibt sicher Leute, die wollen das halt so sehen.

A-ha. Ähem. Na und? Es bewahrheitet sich mal wieder, dass manchmal die Literatur mehr sagt als ihr Autor. Glenn Gould dagegen könnte ich stundenlang zuhören … Aber ich bin natürlich parteiisch. Und mir fiel wieder einmal auf, was für ein ausgemachter Romantiker der gute Gould, der erklärte Anti-Romantiker, in Wirklichkeit war. Wenn er Richard Strauss spielt, zum Beispiel, und wenn er (in diesem Feature nicht zu hören) Orlando Gibbons oder William Byrd spielt … kein Vergleich mit seinen Mozart- oder Beethoven-Interpretationen.

Gould war ja auch selbst Radio-Künstler, das Medium hat ihn sehr interessiert, und er hat einige interessante Features produziert, zum Beispiel über Leopold Stokowski oder Pablo Casals (Hörproben bei Amazon.com, wo man auch Goulds Original-Stimme mal hören kann).

Zwei Schlüsse ziehe ich aus diesem anregenden Kontakt mit einem Seelenverwandten:

  1. bringt die Bloggerei doch manchmal etwas, neben Befriedigung am eigenen Geschreibsel (Egopflege also) vor allem solche Kontakte, und
  2. sollte ich doch mal die Gould-Biographie lesen, die Kevin Bazzana mir seinerzeit zuschickte, nachdem wir die deutsche Ausgabe seiner musikwissenschaftlichen Studie über Gould (wie oben verlinkt) mit vereinten Kräften auf den Weg gebracht hatten. Bazzanas Gould-Biographie ist ja nun auch ebenfalls auf Deutsch erschienen, und vielleicht ärgert sich Bärenreiter ja schon, dass sie damals nicht zugegriffen haben (dann hätte ich sie wohl übersetzt, seufz …).

Also: weiter bloggen, Gould hören, Waßmuth und Bazzana lesen!

12.
DEZ

Urlaubsnachlese: Eifel-Bücher und Hunsrück-Filme

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Für meinen Eifel-Urlaub im Oktober hatte ich mich pflichtschuldigst mit dem Hauptwerk einer prominenten Vertreterin der Regionalliteratur gerüstet: Clara Viebigs “Weiberdorf”. Erst nach meiner Rückkehr in die Welt der Autos und Arbeitsplätze (vulgo: Stuttgart) machte ich mich an die Lektüre. Der Roman Clara Viebigs, die eigentlich gar keine echte Eiflerin war (mehr über sie in der Wikipedia), spielt in einem kleinen Dorf namens Eifelschmitt. Wie in seinem Vorbild, dem real existierenden Ort Eisenschmitt, wird das Leben hier – man schreibt die 1870er Jahre – das ganze Jahr über von den Frauen bestimmt. Die Männer arbeiten nach dem Niedergang der örtlichen Eisenhütten als Gastarbeiter in den Stahlwerken an Niederrhein und Ruhr und kehren nur zweimal im Jahr für kurze Zeit in ihre Heimat zurück.

Naturalismus à la Viebig: Falschmünzer und lockere Sitten

In der Zwischenzeit sind die Frauen sich selbst überlassen, sie kümmern sich um die Familien, bestellen das Feld und umschwärmen – im Roman – den einzigen jüngeren Mann, der aufgrund seiner schwachen Konstitution im Dorf bleibt und so der berühmte Hahn im Korb ist. Der als aufbrausend und wankelmütig, aber sympathisch beschriebene Mann wird mehr durch Zufall und eine gewisse moralische Trägheit zum Falschmünzer. Er steht aber nur scheinbar im Mittelpunkt der Geschichte. Deren eigentliche Heldinnen sind die Frauen, die als selbständig, lebenslustig, nach damaligem Verständnis geradezu lasterhaft beschrieben werden: Sie lassen nichts anbrennen. So geriet das Buch denn auch auf den Index der katholischen Kirche, und Viebig wurde Jahrzehnte lang als Nestbeschmutzerin beschimpft. Sie zeigt aber, in gewissen Anflügen von Naturalismus, dass die moralischen Schwächen der Eifler von ihrer Armut bestimmt sind, und dass die Geistlichkeit (hier in Gestalt eines bornierten, naiven Pastors) nicht immer die besten Lösungen für die Nöte des einfachen Volkes bereit hält. Gelegentlich kommt einem das Buch vor wie eine Light-Version des schweren, Hauptmann’schen Naturalismus, aber die bedrückende Armut wird immer wieder durch Dialoge und Naturbeschreibungen aufgelockert. (Die Natur allerdings muss immer wieder zur Illustration des Schicksals herhalten, wo Gewitterwolken Unheil verkünden und die Strahlen der Morgensonne Hoffnung. Das Ganze aber mit einer fast subtil zu nennenden, eigenen Note: gar nicht so schlecht. Und schließlich war Frau Viebig Bestsellerautorin und musste gewissen Kompromisse eingehen …)

Eifel und Hunsrück: gottverlassene grüne Hügel

Nach gewissen Gewöhnungsschwierigkeiten, das Buch ist im Dialekt geschrieben und voller Dialoge und lokaler Redewendungen, hat mich die Geschichte dann doch gepackt. Sie gibt seltene Einblicke in die Nöte der Menschen vor über hundert Jahren, und erstaunlich, wie frei und lebendig die Autorin die Geschichte erzählt. Zumal mich der Dialekt an die Sprache der Heimat-Trilogie von Edgar Reitz erinnert, die ja im Hunsrück spielt – gerade gegenüber der Eifel auf der anderen Seite der Mosel gelegen. Man sagt “dau” für “du” und “dat” für “das” und nimmt allgemein kein Blatt vor den Mund. Die Landschaft dazu kann ich mir nun bestens vorstellen, da ich ja in meinem Urlaub gar nicht so weit weg von Eisenschmitt gewohnt habe, nämlich in dem sage und schreibe 341 Einwohner zählenden Ort Bleckhausen.

[zp]eifel[/zp]

Fotos aus der Eifel gibt es auf meinem Foto-Schauplatz.)

Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass die Eifel natürlich noch andere Autoren beherbergt, unter anderem Krimischriftsteller, aber darüber hatte ich mich ja an anderer Stelle bereits ausgelassen.

Die Eifel als “zweite Heimat”?

Zu dem Buch passt, dass J. und ich es endlich geschafft haben, uns die zweite Heimat-Staffel (Die zweite Heimat) relativ günstig auf DVD zuzulegen. Ein Stoff, der süchtig macht. Große, heute zum Teil vergessene SchauspielerInnen spielen dicht in authentischen, sehr gut fotografierten Szenen. (Das Drehbuch gibt es hier, Infos zu der gesamten Trilogie u.a. auf den Fanseiten von Thomas Hönemann.) Den ersten zweistündigen Film haben wir uns letztens angesehen: Das “Hermännsche” in München, wo er Musik studieren will und aufgrund seiner tragischen Erfahrung in Heimat 1 jeder Liebe abschwört. An der Musikhochschule zeigt sich jedoch schon bald eine weibliche Gestalt, die diesen Entschluss ins Wanken bringen wird … Und man erlebt seine Ehrfurcht vor den Protagonisten der Neuen Musik.

Bei der ersten Staffel fühlte ich mich von der Landschaft des Hunsrück und auch von dem geschilderten Dorfleben, bereits sehr in meine eigene Heimat zurückversetzt, die südniedersächsischen Hügel um Göttingen im schönen Leinetal. Ein ähnliches Gefühl hatte ich in der Eifel. Eine Gegend, in der man stundenlang herumwandern kann, ohne einen Menschen zu treffen … grün, einsam und ein wenig rauh. Unspektaktulär und darum Balsam für die Seele.