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2.
JUL

Irrfelsen Stuttgart: Phantasie und schöne Prinzen

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“Die Erinnerung ist auf der Reise wie ein schöner Prinz”: eines der Stücke des Stadtprojekts “Irrfelsen Stuttgart” zum Thema Architektur und Alltag, das vom 16. bis 23. Juni im Rahmen der “Ulysses-Reihe” am Staatstheater Stuttgart stattfand.

Führung durch die Erinnerung

Wir sammeln uns vor dem Schauspielhaus und folgen der freundlichen Dame mit dem Schild, das im Frühlingsgrün des Irrfelsen-Projekts gehalten ist.

Vom Theater aus geht es durch den Tunnel, an der Staatsgalerie vorbei in das alte Gebäude, wo es sich keiner der rund zwanzig angemeldeten Zuschauer nehmen lässt, die vier Treppen bis zum obersten Stockwerk hochzulaufen.

Privilegierter Blick auf die Stadt

Oben werden wir mit frühlingsgrünen Fliesdecken, Sonnenbrillen und Kopfhörern versorgt und verteilen uns auf zwei Stuhlreihen auf dem Balkon, dessen Existenz wir bis jetzt noch nicht bemerkt hatten. Was für eine Aussicht – und was kommt jetzt?

Stuttgart, von oben gesehen und gehört

Es wird still. Der Blick schweift über die Stadt: Das also ist Stuttgart von oben, die Sonne wirft uns ihre letzten Strahlen geradewegs ins Gesicht, unter dunklen Regenwolken hervor, die uns nicht mehr bedrohen. Und selbst wenn: An jeder Stuhllehne hängt ein frühlingsgrünes Schirmchen.

Eine Stadt aus Klang, von oben gesehen und gehört

Ein Gespräch hebt an, still, intim, ganz für uns, nur für uns gesprochen: “Es ist so still.” – “Ja.” – “Wann geht es denn los?” – “Hm. Ich höre nichts. Hören Sie etwas?” – “Nein. … Warten Sie! Ganz leise, da ist doch etwas. Hören Sie es?” – “Ja. Ja! Es muss ein Hubschrauber sein, er kommt näher … da ist er, da oben rechts!” (Ein Hubschrauber knattert über uns hinweg, alle Köpfe drehen sich nach rechts: Die Illusion ist perfekt. Kein Hubschrauber zu sehen …)

Die Stimmen sprechen weiter, es wird keinen Augenblick langweilig, unsere Blicke werden gelenkt zu einem Gebäude hinter der Staatsgalerie (”Sehen Sie die Oberkante des hellen Gebäudes? Folgen Sie ihr mit dem Blick nach links, eine Handbreit darüber sehen Sie ein mehrgeschossiges Bürohaus, suchen Sie das Fenster in der ersten Reihe, drittes von links. Sehen Sie es?”). Fast meinen wir an diesem Fenster eine Bewegung wahrzunehmen. Ein Geograph spricht über seine Arbeit, erzählt von seiner Ankunft in der Stadt, wie seine Mutter zu ihm sagte Anfang der fünfziger Jahre: “Du bist doch Schwabe. Geh zum Bürgermeister, Junge, er soll dich um dich kümmern. Er wird dir eine Zukunft geben.” Die Mutter behielt Recht.

Menschen aus Stuttgart, die wir (nicht) kennen

Durchbrochen von Musik, von Zitaten, Motiven, Ideen verschiedener Autoren, hören wir noch mehr Geschichten aus dieser Stadt, die Stuttgart ist und in deren Fenstern sich das Abendlicht gleißend spiegelt.

Stuttgarter Grün, Stuttgarter Fenster

In einem anderen Haus, hinter einem anderen Fenster erzählt eine junge Frau, tastend, wie sie die Geräusche unten auf der Straße, vor dem Hochhaus, in dem sie wohnt, durch das Fenster belauscht, sie interpretiert. Die Blinde weiß genau, wann der Radfahrer wie jeden Morgen bremst, bevor er um die Ecke fährt, kennt die Menschen, die ihre Hunde ausführen …

Hörspiel mit visuellem Genuss

Wir kriechen in diese Menschen hinein, ihre Stimmen kriechen in unser Ohr, wir möchten immer mehr wissen, möchten träumen von Stuttgart und seinen Menschen, möchten, dass es niemals endet. Die hervorragenden Tonaufnahmen, die sehr guten, angenehmen Stimmen, die Dramaturgie, all das spielt zusammen und schafft eine perfekte Illusion für dieses urbane Panorama. Vergangenes und Gegenwärtiges, Inszeniertes und Zufälliges verschwimmen. Nach einer halben Stunde stehen wir auf und steigen benommen und ein wenig wehmütig die vielen Treppen wieder hinunter.

aus den Abendklängen hinunter in die Wirklichkeit

Dass wir auf dem Rückweg auf den Stufen vor dem Opernhaus einer jungen Frau im Saloondress mit einer Pistole in der Hand begegnen, wundert uns schon nicht mehr. In ihrer Foto-Shooting-Pause lächelt sie uns zu.

Wahn oder Wirklichkeit? Weiter gehts hinunter in die Probebühne des Schauspielhauses, zur zweiten Station, in den “Bauch der Illusionsmaschinerie”, wie es im Programm heißt. In einem Bühnenbild aus einem Zelt, einer Kassette mit Naturgeräuschen, einem Teich, einem Regenspender und einer Nebelmaschine entspinnt sich ein Dialog, eine Meditation zwischen den ewigen Nomaden aus der Stadt.

In der Blackbox: Wasser, Nebel, Träume

Wir haben diesen Teil nicht wirklich verstanden. Das intensive Spiel der beiden Schauspieler (sehr gut: Bernhard Conrad, sehr sehr gut: Katharina Zoffmann) hielt uns aber die ganze Zeit über bei der Stange, um nicht zu sagen: bei der Philosophie. Wir fühlten uns beschenkt in diesem kleinen Publikumspreis, von diesem klug-verträumten, sinnlichen, das Denken erweiternden Stück. Die guten Texte, die unkonventionellen Mittel, das Zusammenspiel zwischen Schau-spiel, Hör-Stück, Theater und Improvisation war … überzeugend.

Vielversprechendes Autorenduo

Die Autoren Bernhardt Herbordt und Melanie Mohren, Jahrgang 1978 und 1979, haben ihr Handwerk in Gießen gelernt und bereits mehrere gemeinsame, interdisziplinäre Raum- und Audio-Installationen, Hörspiel- und Bühnenarbeiten vorgelegt. Sie wurden mit dem NRW-Hörspielpreis ausgezeichnet und waren mehrfach Stipendiaten der NRW-Hörspielförderung. 2008/2009 sind Herbordt/Mohren Stipendiaten der Akademie Schloss Solitude in Stuttgart. Wir sollten sie im Auge behalten.

Zelt, Nebel und ein Prinz auf Reisen

Bernhard Conrad und Katharina Zoffmann: überzeugend

28.
JUN

Fundsachen aus Zuffenhausen

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Mülleimer mit Fahrrad

Mülltonnen mit Fahrrad

Mülleimer ohne Fahrrad

Mülltonnen ohne Fahrrad

27.
APR

Die Auswirkungen von Podcasting auf das Medium Radio

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Der Schauplatz am Puls der Medien: Sehe gerade in meinem SWR2-Newsletter, dass es heute abend um 22.33 Uhr ein interessantes Feature zu hören gibt. Die Redaktion hat sicher nichts dagegen, wenn ich die gesamte Ankündigung hier reinstelle:

Hörspiel-Studio: RadioArt online
Radio-Wandel
Die Mobilisierung des Hörers

Feature von Sabine Breitsameter
Regie | Sabine Breitsameter
Produktion | SWR 2007
Erstsendung | 57 Minuten

Es war der MTV-Moderator Adam Curry, der vor wenigen Jahren das Podcasting »erfand«:
Audioproduktionen werden im Internet zur Verfügung gestellt, periodisch aktualisiert und können mit einem »Pod-Catcher« orts- und zeitunabhängig heruntergeladen werden. Und sie sind Kult, die iPods, mit denen die Podcasts aus dem Internet auf einen mobilen Audiodatenträger kopiert werden. Podcasting ist eine neuartige Form der Distribution, der Produktion und der Rezeption. Obwohl Podcasts mittlerweile auch von den »etablierten« Medien angeboten werden, sind die eigentlichen Pioniere und Protagonisten die Internet-User selbst. Durch das Podcasting wird das Radio und das Hören vollends mobil. Wie aber wird sich die Einbeziehung des Hörers in die Medienproduktion auf die »traditionellen« Medienstrukturen auswirken? Welche Perspektiven ergeben sich aus Medienformen, die den Nutzer weitaus mehr einbeziehen und diesen als Rezipienten in Bewegung setzen?

Mal schauen, was der SWR zum Phänomen Podcast et al. zu sagen hat. Das Deutschlandradio hat ja immerhin schon mit dem Blogspiel reagiert. Weiß jemand, wie innovativ der SWR in dieser Richtung ist? Ich hör ihn nämlich eher selten, obwohl ich im Einzugsgebiet wohne. Reine Gewohnheit, Deutschlandfunk und Deutschlandradio sind bei mir Kult.

28.
MRZ

Happy Birthday, Ohropax!

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Unter dem wohltuenden Titel “Endlich Ruhe” schreibt Ariel Magnus heute in der taz eine vergnügliche, lesenswerte “persönliche Liebeserklärung zum hundertsten Geburtstag der Firma Ohropax“. Oh(r) wie ich mich darin wiedererkenne! Täglich schließe ich beim Einsteigen in die S-Bahn Wetten darüber ab, ob mich auch bei dieser Fahrt wieder das Schicksal in Form der sieben Geißeln des Nahverkehrs treffen wird:

  1. Nachbar mit elektronischem Ghettoblaster, dessen Ohrhörer 90 Prozent des Schalls durchlassen
  2. Nachbarin mit einer schwäbischen Abart der Logorrhoe nebst durchdringender Stimme
  3. gegenüber sitzendes Paar mit krankhaft übersteigerter Sozialkompetenz (vulgo: Schwätzsucht)
  4. dreißigköpfige Grundschulklasse im gleichen Waggon
  5. siebenköpfige Gruppe pubertierender Halbstarker
  6. veralteter Waggon, an dem die Türen doppelt laut zuschlagen und die Bremsen mit dreifacher Lautstärke quietschen
  7. Kombination von 1. bis 6. in beliebiger Anzahl

Auch sonst leide ich im Alltag häufig unter audiophober Überempfindlichkeit. Sei es der schreiende Konversationston der Nachbarin von gegenüber, sei es das morgendliche Wagenstarten vor unserem Haus (sprich: neben meinem Bett), seien es der mich stets und ständig außerhalb der Wohnung umgebende Verkehrslärm oder die Musikberieselung in Supermärkten oder Restaurants. Noch in der größten Stille und Idylle kann ich in eine Krise geraten, wenn ich auch nur von ferne ein Flugzeug grollen höre.

Der gute Herr Magnus hat mich in seinem Artikel über die Bezeichnung dieser meiner “condition” aufgeklärt: ich bin eine “Geräuschhysterikerin”. Aha. Ich finde, ich bin normal, nur die Welt ist schlicht zu laut. Aber ich bin auch blöd: Nie verreise ich ohne Ohropax, aber auf die Idee, es in der S-Bahn oder an sonstigen geräuschterroristischen Orten zu benutzen, bin ich noch nie gekommen. Ich werde es definitiv ausprobieren.

Und bevor jemand auf die Idee kommt, Alternativen vorzuschlagen: Es gibt nichts, was besser wirkt. Punkt. Ach ja, so siehts übrigens aus (Ohropaxler, bitte seht mir den Bilderklau nach: Ich mache ja Werbung für euch!):

Ohropax ganz klassisch

Beruhigend übrigens, dass wir Deutschen mal für etwas anderes gerühmt werden als für Schubert, Schwarzbrot oder Sch… schsch… : Für taz-Autor Ariel Magnus jedenfalls ist, seit seiner Rückkehr nach Argentinien, Ohropax das deutsche Produkt, das er am meisten vermisst. Ein Steak bekommt nur gegrillt, wer ihm eine Zwanzigerschachtel von den gelben Wachszylindern mitbringt.

Und er setzt eine Tradition fort: Schon Kafka und Grass liebten Ohropax. Für mich steht fest: Wer einen derart schönen Artikel schreiben kann, dessen Bücher müssen schleunigst ins Deutsche übertragen werden: aber immer schön leise!

19.
FEB

Mein Beitrag zum Rosenmontag

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Ein charmanteres Gebäckstück ist mir lange nicht begegnet:


Faschings-Amerikaner

Der Faschings-Amerikaner. Courtesy of Treiber

Hiermit grüße ich alle Jecke und andere Verrückte, die es nicht lassen können und unbedingt feiern müssen: Helau! Alaaf! Möje die Kamelle nich olle sin! (Oder so. Bekenne mich. Bin norddeutsch-trocken statt westdeutsch-jeck oder alemannisch-fasnetisch oder hessisch-karnevalesk.)