Sie interessieren sich für Fotografie und die Kunst des Sehens? Dann sind Sie hier richtig.
Some posts and pages are available in English and German. I'll be glad if you enjoy my pages on photography.

22.
FEB

Schubladendenken – Beschränkung oder Freiheit in der Fotografie?

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Gerade im Deutschlandfunk gehört: Das Berliner Museum für Naturkunde besitzt 30 Millionen Sammlungsstücke. 30 Millionen! Aber es wird ja nicht nur gesammelt, sondern das Gesammelte wird geordnet, kategorisiert, klassifiziert, in Schubladen gepackt, einer Taxonomie unterworfen.

Woher kommt der Drang, die Dinge in Schubladen zu packen, zu ordnen, zu benennen, Kategorien zu bilden und nach welchen Regeln bilden wir sie? Psychologin Claudia Friedrich von der Universität Hamburg:

“Die Kognitionswissenschaft hat sich irgendwie nicht auf eine Regel festlegen können, wie wir jetzt Gegebenheiten in der realen Welt denn wirklich in solche Kategorien umsetzen, wir wissen nur, wir tun es. Und wir tun es sehr schnell, und solche Kategorien bestimmen unsere Wahrnehmung und unser Denken und unser Gedächtnis, also sozusagen alles, was uns so kognitiv ausmacht und wahrscheinlich deshalb, damit wir diese Welt vorhersagen können, und das war mal evolutionär von großem Vorteil.”

Und weiter:

Schlechtes von Gutem trennen, brauchbare von unbrauchbarer Nahrung unterscheiden, Gefährliches und Ungefährliches durchschauen - Kategorien im Gehirn bilden zu können, um zu überleben ist das eine. Die Anwendung dieser Fähigkeit beim Menschen aber geht weiter:

“Es bestimmt natürlich unsere Kulturpraxis, weil wir mit diesem Apparat unsere Kultur bilden, weil wir mit diesen kognitiven Apparaten alle zusammen wirken und das wahrscheinlich eine der Eigenschaften ist, die wir mitbringen in diese kulturelle Welt: Kategorien zu bilden.”

Schubladendenken oder lebensrettende Ordnung der Welt?

Dass uns das Schubladendenken hilft, unsere Welt zu verstehen, dass wir die Welt kategorisieren, um nicht von der schieren, unüberschaubaren Masse der Dinge erschlagen zu werden, ist ein Gemeinplatz. Die Heckenbraunelle teilt die Insekten in essbare und nahrhafte einerseits und in ungenießbare oder nährwertarme andererseits ein, eine Fähigkeit, die sie zum Überleben braucht. Der Mensch teilt seine Mitmenschen in sympathische und unsympathische ein, sucht Erstere und meidet Letztere. Er ordnet seine Bücher im Regal alphabetisch nach Autor oder systematisch nach Fachgebiet, sortiert “Vorgänge” in Hängemappen und Dateien in Ordner ein, um nicht den Überblick zu verlieren.

Kategorisierung in der Fotografie

Und die Fotografin: Von kameratechnischen oder objektivkundlichen Kategorien einmal abgesehen, auch die wenig hilfreichen Bindestrich-Fotografien (Makro-, Landschafts-, Porträt-, Sach-, Sport- …) einmal beseite gelassen, ist auch das Sehen vieler Fotografen von Kategorien bestimmt. Die Könige der Kategorisierer sind wohl Bernd und Hilla Becher (mehr Infos zu dem Fotografenpaar hier): Ihre fotografischen Typologien – europäische und nordamerikanische Hochöfen, Kalköfen, Fördertürme, Gasbehälter, Wassertürme oder Kohlebunker – sind legendär. Ich zitiere aus der Beschreibung einer Ausstellung in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen 2004:

Als “Typologie” bezeichnet das Künstlerpaar solche Werke, in denen Fotografien gleichen Formats zu Blöcken von 9, 12, wie hier 15 oder auch 16 Einzelbildern zusammengefasst sind. Die Objekte werden nach funktionalen, regionalen, strukturellen, historischen und ästhetischen Gesichtspunkten geordnet und zu strengen Tableaus komponiert. Der innere Zusammenhalt solcher Bildfolgen, vor allem aber die Vergleichbarkeit und Lesbarkeit der Objekte wird dabei garantiert durch die Schwarzweißfotografie, ein immer gleich bleibendes Aufnahmeverfahren, und durch die Konzentration auf wenige Konstruktionstypen.

Auch wem eine derartige Akribie fremd ist, der wird sich wiederfinden in dem Drang zur Kategorisierung. Unsere Internet-Galerie sortieren wir in Landschafts-, Porträt- und Reisefotografie, unsere Fotos in Alben oder digitale Ordner …

Ohne Beschränkung, Thema, Projekt … geht nix

Und wenn wir fotografieren gehen, ohne konkretes Ziel? Auf dem Kunstfotografie-Markt kann man heutzutage kaum noch etwas werden ohne ein “Thema”, ein “Projekt”, man beschränkt sich auf eine Kategorie, eine “Schublade”, wenn ihr so wollt, man fotografiert Serien oder eben Typologien – nur den obersten zehn, zwanzig oder hundert Fotografen wird es gelingen, mit 5, 20 oder 45 bezugslos durcheinandergewürfelten Arbeiten eine Ausstellung zu bestreiten. Auch die meisten Fotowettbewerbe setzen ein Thema.

Ausstellung zum Architekturfotografiepreis: Beschränkung als Fokussierung

Gestern gab es in der VHS Stuttgart die Vernissage der Ausstellung zum Europäischen Architekturfotografie-Preis 2007 (mehr Fotos bei architekturbild e.V.). Thema war: “Lieblingsplätze”. Schon die Preisbezeichnung stellt eine Einschränkung der Motivwahl dar (es geht um Architekturfotografie), eine weitere ist das Thema. Die extrem unterschiedlichen Interpretationen der Begriffe “Architektur” und “Lieblingsplatz” im Wettbewerb machen deutlich, dass eine Kategorie, die immer eine Sache eingrenzt und anderes ausgrenzt, offenbar immense kreative Energien freisetzt. Eine Beschränkung ist in diesem Fall, und in vielen anderen Fällen, kein Nachteil, sondern ein Vorteil: Beschränkung bedeutet Fokussierung.

Und: Die Teilnehmer des Wettbewerbs legten sich weitere Beschränkungen auf: Mit Architektur soll es zu tun haben, Lieblingsplätze sollen es sein? Gut, ich fotografiere nur eine einzige Kategorie von Lieblingsplätzen: Knastzellen, Ferienhäuser, Dauercamper bei Nacht … Das Ergebnis ist eine unglaubliche Vielfalt an Sichtweisen, Sehweisen, Fokussierungen.

Beschränkung als Mittel der fotografischen Weiterbildung

Weitere Beschränkungen lassen sich denken und werden immer wieder empfohlen, um uns fotografisch voranzubringen:

  • Beschränkung auf die manuellen Einstellungen an der Kamera
  • Beschränkung auf ein einziges Objektiv
  • Beschränkung auf eine einzige Festbrennweite
  • Beschränkung auf einen Ort, eine Tageszeit …

Wie steht ihr zur Kategorisierung in der Fotografie? Wenn ihr fotografieren geht, passiert es euch, dass ihr z.B. die Schönheit und Eleganz von Straßenpollern entdeckt und in der fremden Stadt plötzlich nur noch Straßenpoller “seht”, am Ende mit einer Typologie von Straßenpollern nach Hause kommt? Nichts anderes mehr fotografiert, euch plötzlich auf ein Thema, eine “Kategorie” beschränkt?

Mir ist sowas mal mit stinknormalen Leitungen, Telefonanschlüssen außen an Häusern etc. passiert. Etwa so:

eines von vielen Leitungsfotos, keine Typologie
(Mehr davon gibts hier)

Aber eine Typologie ist es nicht geworden. Dafür fehlt mir einfach die pedantische Ader. Dafür hat es mich gelehrt, dass weniger Breite mehr Tiefe bedeutet. Es war eine aufregende Entdeckungsreise. Und bis heute bin ich nicht dahintergekommen, woher genau denn jetzt meine Faszination für diese banalen Objekte rührt.

Ist das dem Menschen offenbar angeborene Denken in Kategorien eine Quelle der Kunst? Ist Sortieren, Kategorisieren, Ordnen der Welt eine Vorausssetzung für Kreativität? Banale Fragen vielleicht, doch sie treiben mich um.

Wie stehts bei euch? Empfindet ihr eine Beschränkung auf einem Gebiet als Chance zur Freiheit und Kreativität auf einem anderen? Welche Beschränkungen erlegt ihr euch beim Fotografieren freiwillig auf? Aus welchen Gründen?

16.
FEB

Manche schimpfen auf Stöckchen – und antworten doch: Martins Fotografie-Blog-Parade

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(In letzter Zeit neige ich zu überlangen Titeln. Was sagt uns das? Nix.)

Martin Gommel schart mal wieder die deutschsprachige Foto(grafie)-Blogosphäre um sich und fragt:

Deutsche Fotografie-Blogs – wo sind sie denn?

Hier sind wir, und du kennst uns doch längst, möchte man rufen, und mancher kann sich eine ironische Bemerkung nicht verkneifen. Antwortet aber doch, hihi.

Ich dagegen mache es ganz dialektisch: Ich schildere die Embryonaldebatte um das Für und Wider von Stöckchen, und wie man damit praktischerweise Reichweite scheffelt, und antworte dann ebenfalls. Toll was? Ganz im Ernst, ich hege Stöckchen gegenüber so eine Art Hassliebe: Sie führen uns in Versuchung (let’s face it: Jeder möchte sich gern vorstellen und mehr Besucher gewinnen, denn warum würden wir sonst bloggen?), und gleichzeitig finden wir es cool, sie uncool zu finden.

Echte Asketen wie Tim antworten erst gar nicht – aber bei Tim ahnen wir den wahren Grund: Er ist mit dem Relaunch seiner Fotonews beschäftigt, die auch schon super cool aussehen, d.h. sie heißen jetzt gar nicht mehr Fotonews. Dafür aber gibt es jetzt massenhaft Content auf der Startseite, denn das neue Layout ist im Magazinstil gehalten. Auch dazu (Magazin-Templates) hege ich eine Art Hassliebe (damit hab ichs heute), denn einerseits sehen sie oft, auch in diesem Fall, wirklich super aus, andererseits fühle ich mich von dem ganzen Angeteasertwerden geradezu überfahren, überwältigt, reizüberflutet.

Was soll ich sagen: Beim neuen Fotografie-Blog scheint es ein Mittelweg zu sein, also herzlichen Glückwunsch zum neuen Design, Tim! Mensch, jetzt schreibst du in diesen Minuten auch noch ausgerechnet über Magazin-Themes und listest mehr Nachteile als Vorteile deines aktuellen Designs auf ;-). Wohl auch eine Art Hassliebe, was? (Glaub nicht, dass ich darüber für den Schauplatz noch nicht nachgedacht habe. Aber ich bin keine Journalistin sondern bloß eine kleine Freizeitbloggerin, darum bleibe ich bei meinem fehlerbehafteten Handstrickverfahren …)

Ich schweife ab. Hier meine Antworten auf Martins Suchanfragen nach Fotografie-Blogs:

  • Wie lange schreibst Du schon über Fotografie?

Bloggen tu ich seit 1.2.2006, der erste Beitrag in meiner Kategorie “Schauen”, die zu meiner Fotografie-Kategorie geworden ist und mittlerweile mit Abstand am häufigsten bedient wird, erschien am … 3.2.2006. War aber kein wirklicher Fotografie-Beitrag, das hat sich erst im Lauf der Zeit herauskristallisiert.

  • Über welche Themen der Fotografie schreibst Du am liebsten?

Mein großes Anliegen ist das langsame Fotografieren. aber nicht zu langsam, Mittel- oder gar Großformat is nicht drin bislang. Die Themen Gestaltung, Fotografie “an sich” (meine Güte …), Emotionen in der Fotografie (kommt bald) interessieren mich besonders. Ansonsten schreibe ich über meine Fotogruppe “Kunst des Sehens” (ihr könnts wohl schon bald nicht mehr hören lesen), über Ausstellungen, die mich inspirieren, über Fotozeitschriften und Internet-Fotogalerien. Ganz hinten kommt die Technik, die von andern zur Genüge abgedeckt wird.

  • Wieviele Artikel veröffentlichst Du pro Woche?

Ein bis zwei, wenn ich gut drauf bin. Begrenzende Faktoren sind mein Brotberuf, die tägliche Fahrtzeit und die Tatsache, dass ich auch mal schlafen muss und auch mal wieder raus zum Fotografieren.

  • Bist Du selbst Hobby- oder Berufsfotograf?

Siehe letzte Frage. Ich fotografiere erst, seit mein Freund mir vor fünf Jahren seine Minolta SRT 101 in die Hand gedrückt hat. Seitdem bin ich infiziert. Berufliche Ambitionen habe ich derzeit nicht, aber man weiß ja nie: Es soll auch noch andere Spätzünder geben :-).

  • Welchen Artikel würdest Du als Deinen beliebtesten einschätzen?

Eindeutig meine Linktipps zu Adobe Lightroom. Hier scheint eine echte Angebotslücke zu herrschen (deutschsprachige Infos zu Lightroom), deren ich mich auch bald mal annehmen werde.

  • Welchen deutschen Fotografieblog würdest Du (außer Deinem eigenen) empfehlen?

Preisfrage. Ich nenne einfach mal meine regelmäßig gelesenen Fotografie-Blogs:

  • fotografr.de: 8mt schreibt so erfrischend flott und ironisch und hat so schöne Fotos und Geschichten aus der Natur zu bieten, dass man einfach nicht an ihm vorbeikommt.
  • Fotografie-Blog (ehemals Fotonews): Wissenswertes und Spannendes über Fotografie und Fotojournalismus findet man bei Tim.
  • Die Welt der Photographie: Adrian Ahlhaus verlangt seinen Besuchern Ausdauer beim Lesen ab, dafür belohnt er uns mit fundierten Überlegungen zur Technikentwicklung, zu Licht und Gestaltung, zur Philosophie möchte ich fast sagen.
  • Bildwerk 3: Auch an diesem “Online-Magazin für Fotografie und Fotografen” kommt man nicht vorbei: Marko Radloff und Kristina Schade kennen sich in der Agenturszene aus und haben häufig spannende Interviews mit Fotografen zu bieten.
  • So gesehen: Stefan Bucher aus Zürich hat ebenfalls etwas zu sagen, besonders in seinen Fotos stöbere ich gern herum
  • Nachbelichtet: Markus Dollinger erfreut unter der Kategorie “Fotografie und EBV” oft mit beißender Ironie
  • Weitere Empfehlungen findet ihr rechts in der Sidebar unter “Meine Nachbarn”

Also, Martin, reicht dir das? Allein mit diesen deutschsprachigen Fotografieblogs kann man sich schon lange genug vom Fotografieren abhalten!

14.
FEB

Hände hoch! Auf dem Pragfriedhof

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[german]Der Pragfriedhof in Stuttgart Nord ist überraschend geometrisch angelegt. Gefasst auf ein parkähnliches Juwel wie den Highgate Cemetery in London oder ein Grabmal-Labyrinth auf dem Hügel wie die Nekropolis in Glasgow, war ich von der Ordnungswut auf dem Pragfriedhof zunächst etwas ernüchtert. Aber ich war ja auf der Suche nach Händen für Martins Fotowettbewerb. Und die fand ich bald. Die nüchterne Geometrie des Friedhofs tat nämlich dem Pathos seiner Grabmalsfiguren keinen Abbruch. Sie zeigten mir bereitwillig ihre Hände:

Hände I

Hände II
Dies war mein glückloses Wettbewerbsfoto (zweites von oben)

Hände III

Hände IV
Vielleicht hätte ich lieber dieses letzte Foto einreichen sollen.
Es strahlt so eine zeitlose Ruhe aus. Oder was meint ihr?

Friedhofsfotografie ist ja überhaupt sehr beliebt, sowohl bei Fotografen als auch beim “Konsumenten” der Fotos. Wer kennt nicht den Klassiker, “Und alle Lust will Ewigkeit” von Isolde Ohlbaum?

Wer kennt weitere schöne Friedhöfe in Deutschland? Melaten in Köln scheint sich zu lohnen, wie man z.B. an Frank Krumbachs Fotos von dort ablesen kann. Außerdem natürlich der Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg, laut Wikipedia der größte Parkfriedhof und der zweitgrößte Friedhof – auf der Welt.

Die Teilnahme an Martins Wettbewerb hat sich also auch ohne Gewinn gelohnt. Hab endlich den Pragfriedhof besucht und dann noch ein paar weitere noch-zu-besuchende-Locations auf meiner persönlichen Liste.

[/german]
[english]The Prag Cemetery (Pragfriedhof) in North Stuttgart shows a surprisingly geometric layout. Hoping to find some kind of a parklike jewel like the Highgate Cemetery in North London or a tombstone labyrinth on a hill like the Glasgow Necropolis, I was a bit taken aback at first in the face of such order overdone. But then, I was looking for hands to photograph for Martin Gommel’s photo contest. And hands I found. The prosaic geometry of this cemetery did not, indeed, act against the pathos of its tombstone figures:

Hände I

Hände II
This was my luckless competition photo (above)

Hände III

Hände IV
Perhaps I should have submitted this last photograph. It seems to radiate such timeless peace. What do you think?

Photographing cemeteries is very popular, anyway, and most people also like looking at the results. Is there anyone who does not know the classic, Isolde Ohlbaum’s “Und alle Lust will Ewigkeit” (quoting Nietzsche and Ohlbaum’s most popular cemetery book)?

What other beautiful cemeteries are there in Germany, or in the rest of the world, for that matter? Cologne with Melaten comes to mind, as is evident from Frank Krumbach’s photography. Another one, of course, is Ohlsdorf Cemetery on the outskirts of Hamburg. Wikipedia calls it the greatest park cemetery and the second greatest cemetery of the world. Wow. Unfortunately I haven’t been there yet.

Taking part in Martin’s contest has already paid off, even without having won: I’ve seen Pragfriedhof, and I’ve added more photo-locations-to-be-visited on my personal list. [/english]

13.
FEB

Fotografen vorgestellt: Ralf Spieß

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Ralf Spieß habe ich über meine Fotogruppe bei Volker Schöbel, den hier schon mehrfach erwähnten fortlaufenden Stuttgarter VHS-Kurs “Kunst des Sehens” kennengelernt. Ralfs Fotos und seine offene Art, über Fotografie zu sprechen, faszinieren mich, daher möchte ich ihn und einige seiner Arbeiten heute vorstellen. Ich habe ihm ein paar Fragen gestellt und um Fotos aus einer Serie gebeten, die mir im Kurs besonders gut gefallen hatte:

Ralf Spieß: “Abschied”
(für große Version aufs Bild klicken)

Ralf Spieß: Abschied I

Ralf Spieß: Abschied II

Ralf Spieß: Abschied III

8 Fragen an Ralf Spieß

1. Wie bist du zur Fotografie gekommen?

Das ist lange her. Während des Studiums, so mit 20 Jahren, habe ich begonnen, analog mit einer SLR zu arbeiten. Ich entdeckte bereits damals meine künstlerischen Ambitionen, doch aus Spar- und Kostengründen habe ich mich immer sehr eingeschränkt. Jede Aufnahme zensiert, bevor ich auf den Auslöser drückte.

Der Durchbruch kam dann vor ca. 5 Jahren mit der vermeintlich seelenlosen Digitaltechnik. Seither sind ausufernde fotografische Experimente möglich, ohne finanziellen Ruin fürchten zu müssen. Meine Bilderwelt hat sich seither sehr gewandelt.

2. Welchen Stellenwert hat die Fotografie in deinem Leben – was bedeutet sie dir?

Die Fotografie ist ein Mittel, mich künstlerisch mit meiner Umwelt auseinander zu setzen. Dabei stehen für mich subjektive Wahrnehmungen und Stimmungen im Vordergrund. Für mich ist Fotografie ein seelischer Prozess, in dem meine Innenwelt mit der Außenwelt reagiert.

Außerdem liebe ich an der Fotografie das Statische, die Konzentration auf den Augenblick, die Möglichkeit zur Langsamkeit. Ich genieße es, die Zeit anhalten zu können, sie einzufrieren, sie auf einen Punkt zu konzentrieren, sie zurückzudrehen.

In der Fotografie und anderen Formen des künstlerischen Ausdrucks lebe ich einen wichtigen Teil meiner Persönlichkeit.

3. Wie gehst du beim Fotografieren vor? Gehst du von einem Konzept aus oder passiert es eher spontan?

Beides.

Oft nehme ich den Fotoapparat spontan in die Hand. Dann entstehen sehr viele Aufnahmen in sehr kurzer Zeit. Rationales Denken, Planen, Konzipieren, Abwägen, Verwerfen findet nicht statt. Ich lass es einfach laufen.

Andere Projekte gehe ich gezielt an. Ich mache mir vorher meine Gedanken, plane, bereite mich vor. Beim eigentlichen Umsetzungsprozess verlasse ich mich dann wieder auf meine Intuition

Am heimischen Rechner durchläuft das digitale Rohmaterial dann einen zweiten, wichtigen Schaffensprozess. Wenn mich eine Aufnahme berührt, nähere ich mich ihr mittels eines Bildbearbeitungsprogramms, das es mir ermöglicht, sie spontan und aus dem Gefühl heraus in kurzer Zeit zu beeinflussen.

Für den Weg aufs Fotopapier schließlich benutze ich einen einfachen, technisch überholten Inkjet-Drucker, der den Ausdrucken eine mir sympathische Unvollkommenheit verleiht.

Diesen Effekt versuche ich neuerdings zu steigern, indem ich manuell Einfluss nehme. So kann ich der beliebigen Reproduzierbarkeit veredelter, virtueller Bilddaten etwas Sinnliches, ganz und gar Substanzielles entgegensetzen. Ich will in meiner Arbeit als ihr Schöpfer spürbar bleiben.

4. Nach welchen Kriterien würdest du ein Foto als gelungen bezeichnen?

Wenn es mich emotional berührt. Wenn es authentisch ist und ich glaube, etwas von dem Menschen hinter der Kamera zu spüren. Und natürlich muss mich die Bildästhetik ansprechen.

Ein gutes Foto ist nach meiner Auffassung eines, das in der Seele des Betrachters Resonanz erzeugt.

Dabei kommt es für mich auch auf den Zeitpunkt der Betrachtung an. Im Laufe meiner persönlichen Entwicklung haben schon manche Fotos ihre Bedeutung für mich verloren. Das geht mir auch mit eigenen Arbeiten so.

5. Welche fotografischen Vorbilder hast du, und warum?

Viele, wenn man deren Inspirationen für meine eigene Arbeit betrachtet.

Keine, wenn man ein Vorbild als etwas verstehen will, das ich versuche zu imitieren.

Immer neue, sobald meine Neugier geweckt wird.

Derzeit sind es Sally Mann und Jan Saudek.

Ich mag die Intimität bis hin zur Morbidität in den Fotografien Sally Manns. Ihre Arbeit ist atmosphärisch aufgeladen. Sally Mann zeigt gegensätzliche Zeitebenen, Schönheit und Unschönheit, existente, vergehende, vergangene. Materie und Geist. Sie legt diese Ebenen wie Schichten aufeinander. Sie gewährt überraschende und manchmal verstörend ungeschützte Einblicke in ihr Leben. Die verwendete Fototechnik ist dabei Teil des Konzeptes. Das Nassplatten-Collodium-Verfahren ist handwerklich, umständlich und unvollkommen. Dabei erzeugt die oft verletzte lichtempfindliche Schicht auf der belichteten Glasplatte eine Sinnlichkeit, die sich mit Händen greifen lässt.

Bei Jan Saudek findet eine Sensibilität im Sinne Sally Manns einen kompromisslos männlichen Ausdruck in praller, ungeschminkter Lebenslust. Er liebt und zeigt das Leben wie es ist – und die unverblümte, selbstbewusste Weiblichkeit seiner Modelle als einen wesentlichen Teil davon. Saudek ist ein sensibler und potenzstrotzender Kerl zugleich, der einen klaren Standpunkt nicht scheut.

Es sind viele meiner Themen, die ich in den Fotografien der beiden wiederfinde. Die Aufnahmen gehen mir unter die Haut, jedesmal wenn ich sie betrachte.

6. Wie bildest du dich fotografisch weiter?

Im Tun, im Betrachten und im Austausch über Fotografie.

Z.B. bei Volker Schöbel in der „Kunst des Sehens”. Diese Gruppe ist ein relevanter Bestandteil meines photografischen Lebens. Hier geht es um Menschen und deren subjektive Sichtweisen, um Gefühle und Haltungen, um Bildästhetik, um die Frage, was denn wohl Kunst sei. Ich mag die offene Atmosphäre bei Volker, die Fülle von Angeboten und Meinungen, das Fehlen von Festlegungen.

Einige meiner mir wichtigen Arbeiten gehen auf Inspirationen dieses Kurses zurück.

7. Welche Themen beschäftigen dich zur Zeit?

Das Abbilden von Zeit- und Seelenräumen. Die Geschichten im Kopf der Betrachter meiner Fotografien. Die Verstärkung von Emotionalität durch Abstraktion. Experimentelle Prozesse. Der Mensch und der Sinn seines Daseins.

Dann gibt es noch meine Liste mit ganz unterschiedlichen Einzelprojekten, die darauf wartet, abgearbeitet zu werden.

8. Welche Fotos präsentierst du mir und den Schauplatz-Besuchern heute, und welche Bedeutung haben sie für dich?

Ich habe Fotos gewählt, die das von mir Gesagte illustrieren sollen. Es sind zwei kleine Serien, jeweils 3 Aufnahmen aus umfangreicheren Bildreihen.

Beide entstanden situationsbedingt spontan. „Abschied” kanntest du schon. Du hattest mich anlässlich dieses Interviews darauf angesprochen, daher habe ich sie gewählt. „Zerfreila” soll durch einen anderen Gefühlsaspekt die Wirkung von „Abschied” kontrastieren. Die Fotos erzählen dem Betrachter Geschichten, die nur er kennt. Sehr mysteriös – gefällt mir.

Wer sich auf die Fotos einlassen kann, erfährt etwas über mich und ggf. auch etwas über sich selbst. Daher sind die Fotos wichtig – es geht mir um Menschen, die Sehenden, die Gesehenen und die Betrachtenden.

Ralf Spieß: “Zerfreila”
(für große Version aufs Bild klicken)

Ralf Spieß: Zerfreila

Ralf Spieß: Zerfreila

Ralf Spieß: Zerfreila

31.
JAN

Meine erste Kamera lernt sehen

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Viel können musste sie nicht, meine erste Kamera: Ritsch - Objektivabdeckung fährt auf, Kamera ist eingeschaltet. Durch den Sucher (besser: Guckloch) geschaut, kurz orientiert, ob das Pferd die Ohren spitzt, Auslöser gedrückt – eine unnachahmlich scheußliche Geräuschmelange aus Schalten, Jaulen, Klacken, gefordert vom sirrenden Filmtransport, und schon kann das nächste Bild gemacht werden. Damit bin ich im Alter zwischen zehn und siebenunddreißig gut klargekommen. Ich war einfach nicht fotografiebegeistert. Erinnerungen festhalten, vor allem draußen, ging mit der Kamera tadellos. Heute weiß ich, warum: eine 35-mm-”Festbrennweite”, mit 1:2,8 recht lichtstark, damit kann man schon viel anfangen.

Kamera reist ohne mich um die Welt

Meine kleine Ricoh FF-700 (hier ein Bild eines Artgenossen) ist viel herumgekommen. Während meiner WG-Zeit habe ich sie ständig an Freundinnen verliehen, die damit Indien, Sri Lanka und China bereist haben. Aus China kam sie sogar mit einer original rot-goldenen Handbemalung, Motiv “Chinesischer Drache”, von einem Straßenmaler zurück. Das war auch der Grund, warum ich sie später nie entsorgt habe: sie ist mir einfach ans Herz gewachsen.

Vor ein paar Wochen habe ich sie entmottet, mit einer neuen Batterie gefüttert und mit einem Ilford FP4 Plus versorgt. Ich wollte mal schauen, was die Kamera kann, wenn ich sie an die Hand nehme. Der Fotografiergenuss war mäßig, weil ich mit dem Auslösegeräusch immer alles, was in ein paar hundert Meter Umkreis Ohren hatte, sofort verschreckt habe. Trotz ihrer Kompaktheit hat sie nicht das schöne Taschenformat heutiger “Digitalknipsen”, in der Hosentasche trägt sie ziemlich dick auf.

Aber so ab und an kam sie doch zum Einsatz, und das hat sie mitgebracht:

Bank am Weg
Bank am Wegrand

Colorado-Turm Vaihingen
Fenster zum Hochhaus

Fenster zum Himmel
Fenster zum Himmel

Wiederbegegnung mit der ersten Kamera: Was ist möglich mit der Technik von damals und dem fotografischen Wissen von heute?

Lehrreich bei solchen Experimenten ist, die Reduktion der Mittel zu erfahren, zu entdecken als eine Erweiterung der kreativen Möglichkeiten. Die Beschränkung aufs Nötigste nötigt dazu, sich auf wenige Dinge zu konzentrieren:

  • die Motive suchen, zu denen Brennweite und Einfachheit der Kamera passen
  • erfahren, wie die eigenen Beine dasn Zoom ersetzen können
  • Perspektive einer festen Brennweite sehen lernen, sich daran gewöhnen, damit verwachsen

Kleines Blogprojekt: Meine erste Kamera

Was war eure erste Kamera? Habt ihr sie noch, und kommt sie noch manchmal zum Einsatz? Wie oft und für welche Motive benutzt ihr sie? Würde mich freuen, wenn ihr in einem Kommentar von euren Erfahrungen berichtet und auch einen Link zu aktuellen Fotos mit eurer “Mutter aller Kameras” beisteuert.