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28.
MRZ

Happy Birthday, Ohropax!

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Unter dem wohltuenden Titel “Endlich Ruhe” schreibt Ariel Magnus heute in der taz eine vergnügliche, lesenswerte “persönliche Liebeserklärung zum hundertsten Geburtstag der Firma Ohropax“. Oh(r) wie ich mich darin wiedererkenne! Täglich schließe ich beim Einsteigen in die S-Bahn Wetten darüber ab, ob mich auch bei dieser Fahrt wieder das Schicksal in Form der sieben Geißeln des Nahverkehrs treffen wird:

  1. Nachbar mit elektronischem Ghettoblaster, dessen Ohrhörer 90 Prozent des Schalls durchlassen
  2. Nachbarin mit einer schwäbischen Abart der Logorrhoe nebst durchdringender Stimme
  3. gegenüber sitzendes Paar mit krankhaft übersteigerter Sozialkompetenz (vulgo: Schwätzsucht)
  4. dreißigköpfige Grundschulklasse im gleichen Waggon
  5. siebenköpfige Gruppe pubertierender Halbstarker
  6. veralteter Waggon, an dem die Türen doppelt laut zuschlagen und die Bremsen mit dreifacher Lautstärke quietschen
  7. Kombination von 1. bis 6. in beliebiger Anzahl

Auch sonst leide ich im Alltag häufig unter audiophober Überempfindlichkeit. Sei es der schreiende Konversationston der Nachbarin von gegenüber, sei es das morgendliche Wagenstarten vor unserem Haus (sprich: neben meinem Bett), seien es der mich stets und ständig außerhalb der Wohnung umgebende Verkehrslärm oder die Musikberieselung in Supermärkten oder Restaurants. Noch in der größten Stille und Idylle kann ich in eine Krise geraten, wenn ich auch nur von ferne ein Flugzeug grollen höre.

Der gute Herr Magnus hat mich in seinem Artikel über die Bezeichnung dieser meiner “condition” aufgeklärt: ich bin eine “Geräuschhysterikerin”. Aha. Ich finde, ich bin normal, nur die Welt ist schlicht zu laut. Aber ich bin auch blöd: Nie verreise ich ohne Ohropax, aber auf die Idee, es in der S-Bahn oder an sonstigen geräuschterroristischen Orten zu benutzen, bin ich noch nie gekommen. Ich werde es definitiv ausprobieren.

Und bevor jemand auf die Idee kommt, Alternativen vorzuschlagen: Es gibt nichts, was besser wirkt. Punkt. Ach ja, so siehts übrigens aus (Ohropaxler, bitte seht mir den Bilderklau nach: Ich mache ja Werbung für euch!):

Ohropax ganz klassisch

Beruhigend übrigens, dass wir Deutschen mal für etwas anderes gerühmt werden als für Schubert, Schwarzbrot oder Sch… schsch… : Für taz-Autor Ariel Magnus jedenfalls ist, seit seiner Rückkehr nach Argentinien, Ohropax das deutsche Produkt, das er am meisten vermisst. Ein Steak bekommt nur gegrillt, wer ihm eine Zwanzigerschachtel von den gelben Wachszylindern mitbringt.

Und er setzt eine Tradition fort: Schon Kafka und Grass liebten Ohropax. Für mich steht fest: Wer einen derart schönen Artikel schreiben kann, dessen Bücher müssen schleunigst ins Deutsche übertragen werden: aber immer schön leise!

25.
JAN

Winterliche Mini-Wonnen

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Winterlich ist die Welt, und da wir nicht daran gewöhnt sind, feiern wir die kleinen Wunder in Weiß:

Morgens erblickte ich rätselhafte Busen auf dem Balkon, am Bahnhof kuschelten sich eingeschneite Fahrräder aneinander. Im Innenhof meiner Arbeitsstätte wissen die Bäume nicht, ob ihnen die rechte oder die linke Seite schwerer wird vom Schnee. Und auf dem Weg zur Kantine erfuhren wir, warum der Winterjasmin so heißt, wie er heißt.

wintercomposing

Und die Bahnhofslampen erwiesen sich als fotogen, ob bei Nacht am Ludwigsburger oder bei Tag am Vaihinger Bahnhof.

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Lustig: Henning sind die Lampen auch aufgefallen :-).

Wenn jetzt noch die Busse immer pünktlich und die S-Bahnen immer geheizt wären, könnte richtig fröhliche Winterstimmung aufkommen …

16.
AUG

Die Bahn und die Baden-Württemberger

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Aus meinem Allgäu-Urlaub zurück, bin ich schon wieder tief in den Alltag eingetaucht. Um nicht zu sagen: in ihm versunken, und versunken bin ich auch im Urlaub, aber dazu später mehr.

Einen starken Eindruck hinterließ unsere ansonsten untadelige Zimmerwirtin. Sie war so freundlich, uns in Kempten von der Bahn abzuholen und auch wieder hinzubringen. Auf der Hinfahrt fragte sie meinen Freund, was er denn beruflich mache. Nach seiner Antwort schwieg sie einen Moment verblüfft, und wir wunderten uns schon. Dann kam es:

Ich hatte gedacht, Sie arbeiten bei der Bahn. Wo Sie doch mit der Bahn angereist sind …

In dem guten Jahr, seitdem wir jetzt in Ludwigsburg wohnen, haben wir so viele erstaunte bis verblüffte Reaktionen erlebt auf unser autoloses Dasein wie nie zuvor – bis hin zum schieren Unverständnis. Wir sind immer wieder bass erstaunt, um nicht zu sagen verärgert. Auch in diesem Urlaub mussten wir feststellen, dass die Busfahrer im Allgäu kaum ihre eigenen Tarife, Tageskarten usw. kannten. Und darüber, dass nicht einmal die Einheimischen über die Möglichkeiten, die der ÖPNV durchaus bietet, informiert sind, wunderten wir uns mehr als einmal. Kann die Anwesenheit von ein paar großen Autofirmen wirklich so eine Gehirnwäsche-Wirkung haben? Was wollen die Leute eigentlich in zwanzig Jahren machen, wenn es kein Öl mehr gibt?

4.
MAI

Sitten und Gebräuche in der S-Bahn

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Baß erstaunt war ich, als ich so in der S-Bahn saß, nichts Böses ahnend, und plötzlich, ein paar Hundert Meter vor der nächsten Haltestelle, etliche Leute aufstanden und den Wagen entlang nach vorne eilten. Nach einigem Überlegen ging selbst mir begriffsstutziger Neig’schmeckter ein Licht auf: Man möchte sich eine Wegstrecke auf dem Bahnsteig ersparen und legt sie deshalb schon vor dem Aussteigen, noch im Zug, zurück. Eine äußerst geizige, mir geradezu krankhaft erscheinende Neigung. Was kann schöner sein, als draußen (draußen! an der Luft! mit festem Boden unter den Füßen!) herumzulaufen? Muss es unbedingt in der schwankenden, stickigen S-Bahn sein?

Vielleicht gibt es eine Art menschliche Typologie, wie die mit dem Zungenrollen. Es gibt Zungenroller und Nichtzungenroller, vielleicht gibt es auch S-Bahn-NachvornLäufer und S-Bahn-AmPlatzBleiber?