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10.
NOV
Straßenfotografie: Literatur und Ausstellung
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Zur Straßenfotografie findet man nur wenig Literatur, aber man findet: Als Einstieg interessant fand ich den Text “Open City. Straßenfotografie seit 1950” von der Wiener Kunsthistorikerin Marie Röbl. In Ihrer Rezension des im Titel genannten Ausstellungskatalogs (Hatje-Cantz, Stuttgart 2001) gibt sie einen kurzen Abriss der Entwicklung und Etappen der Straßenfotografie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Auf ihrer Webseite “Texte zur Fotografie” kann man in weiteren Rezensionen und Katalogtexten der Autorin zur Fotografie stöbern.
Straßenfotografie – aus und vorbei?
Clive Scotts “Street Photography: From Atget to Cartier-Bresson: From Brassai to Cartier-Bresson” hatte ich im letzten Beitrag bereits erwähnt – auffällig, dass neben Bildbänden einzelner Fotografen des Genres vor allem historisch orientierte Werke zu diesem Thema erschienen sind. Gibt es keine aktuellen Gedanken dazu? Ist seit Cartier Bresson nichts Wesentliches passiert? Ist das Thema zu diffus, um es in einem Buch zu behandeln?
Klassiker des Genres in München: Cartier-Bresson
Die Ursprünge eines Klassikers der Straßenfotografie sind zur Zeit in der Versicherungskammer Bayern zu sehen, wo die Ausstellung “The Early Years 1926 – 1934″, die 1987 im Museum of Modern Art zu sehen war, erneut zusammengestellt wurde. Der damalige Begleitband dazu ist auf deutsch erschienen. In der Beschreibung bei Lindemanns Fotobuchhandlung ist zu lesen:
[Der Band] zeigt die besten Aufnahmen aus Henri Cartier-Bressons eindrucksvollem Frühwerk und bringt einen grundlegenden Text von Peter Galassi, der für das Verständnis des gesamten künstlerischen Werkes von Henri Cartier-Bresson von erheblicher Bedeutung ist.
Mit meiner Fotogruppe werde ich morgen die Ausstellung besuchen, mal schauen, was sich neues Altes und Anregendes entdecken lässt.
Straßenfotografie im Internet
Einen Straßenfotografie-Blog gibt es auch, und ihn führt Hans-Heinrich Pardey. Des weiteren fiel mir noch die HP-Galerie zum Thema auf, “Hype Street Photography“. Eine Teilnahme an dieser Aktion des Druckerherstellers versprach eine Eintrittskarte zu den Rencontres nach Arles und ist damit vorbei. Die Galerie ist aber noch online, und im Prinzip kann jeder Fotos hochladen. Sechs Fotos sind erlaubt, und sie müssen eine Prüfung passieren. Mittlerweile sind über 10.000 Fotos online; ob man in dieser Überfülle eine Orientierung findet, sei dahingestellt. Zudem ist mir die Präsentation zu flashig, die Fotos zu klein.
26.
MRZ
Beiträge, die euch entgangen sind …
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… weil sie sich einfach nicht durch das Sieb des Alltags pressen ließen:
- der Beitrag über Susan Sontags Buch “Das Leiden anderer betrachten” (2003): ein Buch über Kriegsfotografie, die Darstellung von Leiden, die Illusion des Konsensus zwischen den Betrachtern, die Rezeption und Bewertung von Fotos aus Krisengebieten. Ein Thema, von dem ich anfangs dachte: “Ach, darüber wissen wir doch schon alles!” Weit gefehlt. Die große Theoretikerin der Fotografie hat sich hier ausgesprochen kluge Gedanken gemacht, die zur Abwechslung ganz untheoretisch daherkommen. Empfehlenswert! (Im Perlentaucher sind noch die Rezensionen nachzulesen. Ein interessanter Film im Zusammenhang mit dem Buch ist übrigens Clint Eastwoods “Flags of our Fathers” über die Geschichte des berühmtesten Kriegsfotos aller Zeiten.)





- der Beitrag über “Gold der Tundra” von Juri Rytchëu: der Roman eines Tschuktschen, der über weite Strecken eigentlich kein Roman ist, sondern eine Art erzählte Ethnographie. Was mich sonst eher abschreckt. Die Faszination und Trauer über Geschichte und Gegenwart dieses hierzulande ziemlich unbekannten Volks ließen mich das Buch dann doch von vorn bis hinten durchlesen. Gekauft habe ich es, weil ich irgendwann mal einen Thriller über einen Agenten las, der auf seiner Flucht durch Asien auch durchs Land der Tschuktschen kam. Leider konnte ich den Roman nicht mehr ausfindig machen. Sachdienliche Hinweise zur Identifizierung nehme ich gern entgegen. Ich würde das Buch glatt nochmal lesen.





- der Beitrag über den argentinischen Tango, den J. und ich uns seit einigen Wochen in die Beine zu prügeln versuchen. So …
(Foto von Michael Takanzariti. Siehe Lizenzbestimmungen)
… siehts bei uns leider noch nicht aus und wirds wohl auch nie, denn dafür fehlt uns die natürliche Eleganz ;-). Interessant daran ist vor allem, wie schwierig es für Männer ist zu führen und für Frauen, sich führen zu lassen. Jenseits aller gegenteiligen Mythen und Märchen!
- der Beitrag über das Wirtschaftsmagazin brand eins, das sich spannender liest als der Wirtschaftsteil der Tageszeitung, die Hintergrundberichte von taz und FR und diverse volkswirtschaftliche Studien zusammengenommen. Und das Schönste: Das gesamte Archiv ist kostenlos online zugänglich, der Schwerpunkt des jeweiligen Hefts lässt sich auch anhören statt lesen. Aktueller Schwerpunkt: Spitzenkräfte – unter dem schönen Titel “Diven-Dämmerung“.





- der Beitrag über das Literaturmuseum der Moderne in Marbach, das definitiv einen Besuch wert ist. Innovative Präsentation eines Themas, das sich eigentlich gar nicht präsentieren lässt, weil Literatur ja wahlweise “Axt für das gefrorene Meer in uns” (nicht suchen, Kafka lesen!) ist oder: Kopfkino. Zum Besuch, davor oder danach, empfiehlt sich der Katalog “Denkbilder und Schaustücke”, in dem einige kluge Schreiberlinge ihre Lieblings-Exponate be-schreiben und auch sonst noch viele schöne Worte fallen.






- der Beitrag über den Niedergang der Frankfurter Rundschau, den ich eigentlich auch gar nicht schreiben will, weil das Faktum, das er beschreibt, mich so frustriert. Warum, o geliebte langjährige Begleiterin, lässt du mich im Stich? Warum verwirfst du deine Redakteure, schrumpfst dein Feuilleton, warum verkaufst du dich, warum verlegst du dich aufs Tabloid? (Schreckliches Wort, das mich alte Anglophilia immer nur an den englischen Ausdruck “tabloid press” erinnert, nicht gerade ein Synonym für Qualitätsjournalismus. Also, mit dem Format kann ich mich abfinden, aber nicht mit dieser Bezeichnung, Fachbegriff hin oder her.) – Leider muss ich berichten, dass ich in letzter Zeit zunehmend zur Süddeutschen greife. Sie war mir nie sonderlich sympathisch, aber das Feuilleton ist toll. Anderes an dieser Zeitung leider auch.





18.
DEZ
Alte und neue Bekannte: vom Hörensagen
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Die Welt (des Internet) ist klein, und endlich trägt meine Bloggerei einmal richtig angenehme Früchte. Glenn Gould, Georg Waßmuth und ich treffen uns in den Weiten des Cyberspace und im Netz aus Musik, Radio und Literatur.
Doch von Anfang an: Im Sommer berichtete ich an dieser Stelle vom Klangpark auf dem Killesberg und illustrierte meinen Bericht mit ein paar Fotos, die ich dokumentierenderweise gemacht hatte. Gestern nun schrieb mich der Musikjournalist Georg Waßmuth an, der eine O-Ton-Collage des Klangparks mit einem meiner Bilder illustrieren wollte, wogegen ich natürlich nichts hatte. Auf seiner Seite kann man sich die hörenswerte Collage zu Gehör führen.
Ich entdeckte dann auch, was er sonst noch so macht: viel Interessantes, und eines, was mich als alten Glenn-Gould-Fan besonders interessierte: ein Feature über Thomas Bernhard und Glenn Gould. Unter dem Titel “Man ist ja die Ursache allen Übels selbst – Der österreichische Schriftsteller Thomas Bernhard und der kanadische Pianist Glenn Gould. Zwei Lebensentwürfe in Extremen” hat er für den SWR ein hervorragendes Hörstück inszeniert, man möchte fast sagen: komponiert. Soeben habe ich es mir in voller Länge angehört.
Erster Eindruck: Hervorragende Sprecher, besonders Achim Höppner als Ich-Erzähler von Bernhards “Der Untergeher” beeindruckt. Einfache, aber äußerst wirkungsvolle Idee, Glenn Gould, den Fan nächtlicher Ferngespräche, als Telefonstimme auftreten zu lassen. Das Feature verbindet Zitate Goulds mit solchen aus dem Untergeher und aus Interviews mit Thomas Bernhard aus den 1980er Jahren. Ich muss allerdings sagen, dass ich die Interview-Zitate Bernhards vielleicht etwas zusammengestrichen hätte, sind sie doch teils von bedauernswerter Banalität, wie etwa dieses:
Ich habe eine völlig normale Einstellung zum Leben, wie alle anderen normalen Menschen auch wahrscheinlich, ne? Sie ist nicht nur negativ, aber sie ist eben auch nicht nur positiv, ne? Denn man begegnet ja ununterbrochen allem. Das macht ja das Leben aus. Nur negativ das gibt es ja gar nicht - das ist ja Blödsinn. Aber es gibt sicher Leute, die wollen das halt so sehen.
A-ha. Ähem. Na und? Es bewahrheitet sich mal wieder, dass manchmal die Literatur mehr sagt als ihr Autor. Glenn Gould dagegen könnte ich stundenlang zuhören … Aber ich bin natürlich parteiisch. Und mir fiel wieder einmal auf, was für ein ausgemachter Romantiker der gute Gould, der erklärte Anti-Romantiker, in Wirklichkeit war. Wenn er Richard Strauss spielt, zum Beispiel, und wenn er (in diesem Feature nicht zu hören) Orlando Gibbons oder William Byrd spielt … kein Vergleich mit seinen Mozart- oder Beethoven-Interpretationen.
Gould war ja auch selbst Radio-Künstler, das Medium hat ihn sehr interessiert, und er hat einige interessante Features produziert, zum Beispiel über Leopold Stokowski oder Pablo Casals (Hörproben bei Amazon.com, wo man auch Goulds Original-Stimme mal hören kann).
Zwei Schlüsse ziehe ich aus diesem anregenden Kontakt mit einem Seelenverwandten:
- bringt die Bloggerei doch manchmal etwas, neben Befriedigung am eigenen Geschreibsel (Egopflege also) vor allem solche Kontakte, und
- sollte ich doch mal die Gould-Biographie lesen, die Kevin Bazzana mir seinerzeit zuschickte, nachdem wir die deutsche Ausgabe seiner musikwissenschaftlichen Studie über Gould (wie oben verlinkt) mit vereinten Kräften auf den Weg gebracht hatten. Bazzanas Gould-Biographie ist ja nun auch ebenfalls auf Deutsch erschienen, und vielleicht ärgert sich Bärenreiter ja schon, dass sie damals nicht zugegriffen haben (dann hätte ich sie wohl übersetzt, seufz …).
Also: weiter bloggen, Gould hören, Waßmuth und Bazzana lesen!
19.
SEP
Was altert schöner: Bücher oder Fachwerk?
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Was Bücher und Fachwerk gemeinsam haben, lehrte uns am Wochenende der 19. Alt-Hohenecker Büchermarkt im Ludwigsburger Stadtteil Hoheneck. Das jährliche Ereignis ist ein Treffpunkt aller Buchliebhaber und Bücher-Loswerden-Woller, Sammler und Antiquare. Zwischen hübschen alten Häusern, um die Kirche herum und in den Gassen bieten zahlreiche Menschen ihre Bücher an, und noch mehr Menschen kommen, um zu stöbern.
Geistiges Zentrum ist offensichtlich Bernd Brauns “Antiquariat Alt-Hoheneck“, das aber jedem Buchsucher stets offen steht: Bücher bringen, Bücher holen und das Geld in die Sammelkiste einwerfen: das geht 24 Stunden am Tag. Fast wie im Internet.

Eine Unterhaltung mit dem rührigen Antiquar Holger Degutsch ergab allerdings reichlich pessimistische Perspektiven: Für die Antiquare lohnt sich die Anreise zu solchen Märkten kaum noch, das Hauptgeschäft laufe übers Internet. Schon die Fahrtkosten rauszubekommen, scheint ein Problem zu sein. Die Büchersammler bedienen sich über den ZVAB, wo heutzutage, wie mir ein büchersammelnder Kollege bedauernd versicherte, jede vermeintliche Rarität fünfzigfach angeboten werde:
Man braucht sich nur das Angebot heraussuchen, das einem preislich am meisten zusagt, und schon bekommt man es zugeschickt. Die Freude an der Jagd ist dahin. Da macht es keinen Spaß mehr.
Das ist schade. Trotzdem hat es uns Spaß gemacht, bei Privatleuten, Kindern und Profis nach neuen und alten Fundstücken zu stöbern. Das Tolle an solchen Märkten ist schließlich, dass man Bücher findet, von denen man nicht wusste, dass man sie sucht. Übers Internet kann man nur gezielt suchen, hier kann man ungezielt finden. Das macht schließlich am meisten Spaß, oder?

Finden kann man hier zum Beispiel wunderschöne ornithologische Tafeln aus dem Parey Verlag, vielleicht 1m mal 80 cm groß, wahlweise “Buchfink” (verschiedene, allerliebst gemalte Ansichten) oder “Bussard” (wozu dann auch der Rot- und Schwarzmilan gehören). Leider konnte ich mich nicht dazu durchringen, die 45 € auszugeben …
Außerdem gibt es ja immer auch die verschrobenen Sammler zu sehen … Wenn auch nicht mehr so viele kommen: einige sind noch übrig. Ineinander verwachsene Bücherwurmpaare, schütterhaarige, lesesesselbäuchige, sozialphobische Buchkistenumwälzer, ganz normale Menschen, die Pilzbestimmungsbücher suchen, und weitere Kuriositäten.
Und morgen verrate ich euch, welche Schätze ich erstanden habe ;-).
8.
SEP
Schein und Sein bei Gantenbein
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Die taz hat mal wieder Interessantes zu bieten. Der Schriftsteller Klaus Modick beklagt im Interview, dass “normale”, also für den Verlag schwarze Zahlen schreibende Autoren von den Verlagen nicht gepusht werden, wohl aber “Bücher und Autoren, bei denen man sich schon manchmal an den Kopf greift.” Damit meinte er zwar den Roman von Wolfgang Joop (”Im Wolfspelz”), aber tazler Frank Schäfer erwähnt in diesem Zusammenhang vermeintliche oder tatsächliche Fälschungsfälle bei Eichborn, wie etwa Asfa-Wossen Asserate mit seinem Manieren-Buch. Ich: “Wie? Asserate eine Erfindung? Sein Manierenbuch gefälscht? Donnerwetter! Das wurde doch jahrelang in den Feuilletons gefeiert, von der FAZ bis zur Brigitte! Und der Autor existiert wirklich!”
Nun, offenbar gab es Gerüchte, das Buch habe nicht der Prinz selbst verfasst, sondern entweder sein gewitzter Freund Martin Mosebach oder Hans-Magnus Enzensberger, in dessen Anderer Bibliothek das Buch zuerst erschienen ist. Diese Diskussion ist komplett an mir vorbeigegangen, wie ich zugeben muss. Macht auch nichts. Ich habe das Buch nicht gelesen, aber immer aufgehorcht, wenn daraus zitiert wurde, und die Zitate gefielen mir, auch wenn “Benimm” nicht gerade mein Spezialgebiet ist. Gern glaubte ich an den äthiopischen Prinzen, der den Deutschen charmant, galant und ganz ungenant Manieren beibringt. Sein Buch erschien mir wie eine konsequente Fortsetzung des Blicks der Kolonisierten auf die Kolonialisten obwohl Äthiopien nie deutsche Kolonie war, aber diese Feinheiten lassen wir mal beiseite, eine Sichtweise, die ja schon zuvor in dem einen oder anderen Film vorgekommen war. Nun soll Enzensberger oder Mosebach das Buch geschrieben haben? Vielleicht liegt den Gerüchten auch nur wieder das deutsche Überlegenheitsgefühl zugrunde, ein Afrikaner könne doch gar nicht so schön deutsch schreiben … Auf jeden Fall wäre die Fiktion futsch.
Gantenbein: “Ich stelle mir vor …”
Das ganze Spiel um Schein und Sein passt zu dem Buch, das mich gerade in der S-Bahn begleitet: “Mein Name sei Gantenbein” von Max Frisch. Darin spielt ein Erzähler, der von seiner Frau verlassen worden ist, verschiedene Geschichten durch, wie es dazu hat kommen können. Die Geschichten beginnen alle mit “Ich stelle mir vor: …”. Man versenkt sich hinein und fühlt sich wie in einem “ganz normalen” Roman, bis man jäh aus der Fiktion gerissen wird. Da heißt es zum Beispiel plötzlich über Enderlin, der im Begriff ist, in die USA zu fliegen:
“Noch hat er die Wahl.
Ich bin für Fliegen
[...]
Ich kann mir beides vorstellen:
Enderlin fliegt.
Enderlin bleibt.
Langsam habe ich es satt, dieses Spiel, das ich nun kenne: handeln oder unterlassen, und in jedem Fall, ich weiß, ist es nur ein Teil meines Lebens, und den andern Teil muß ich mir vorstellen; Handlung und Unterlassung sind vertauschbar.”
Das Buch, 1964 erschienen, verbindet eine äußerst moderne Konstruktionsweise mit einem – in all seinen Rollen – aus heutiger Sicht durchaus antiquiert wirkenden Erzähler (lesenwert übrigens diese Rezension von Dieter Wunderlich). Dem es trotzdem gelingt, den Leser mitzureißen in seine gefühlten Erlebnisse.
Wer ist hier der Blinde?
Für mich am prägnantesten: Gantenbein, der sich nach einem Unfall blind stellt und Gefallen daran findet. Wunderbar die Beschreibung der gesellschaftlichen Situationen, in denen es darum geht, wer was sieht und wer wofür und wem gegenüber blind ist. Hoch symbolisch und gleichzeitig höchst konkret. Und witzig. Bemerkenswert, wie wohltuend Gantenbein es findet, nicht zeigen zu müssen, dass er sieht, was andere vor ihm verbergen wollen und durch seine vermeintliche Blindheit umso besser verbergen können oder zu können meinen. Virtuos, wie Frisch, indem er das Verheimlichte beschreibt, die wohltuende Bedeutung des Scheins zelebriert, auf sanft ironische Weise, fast wie ein moderner Oscar Wilde. Und dabei schafft der Autor es noch, gesellschaftskritische Passagen einzuflechten, die ganz selbstverständlich daherkommen, etwa über die Rolle ehemaliger Nazis in der Bundesrepublik (bzw. der Schweiz). Frischs Beobachtungsgabe, der scharfe Blick des vermeintlich Blinden, seine geschmeidige Prosa sind wirklich ein Genuss.
Die Frau als blinder Fleck bei Frisch?
Was mir nicht gefällt, sind die Frauen im Roman. Das heißt, eigentlich gibt es nur eine, ob sie nun Lila heißt oder Camilla Huber oder “die Contessa”, im Grunde ist es ein und dieselbe Frau. (Wie natürlich auch Enderlin, Gantenbein, womöglich sogar Burri und Svoboda ein- und dieselbe Person sind. Das Changieren zwischen verschiedenen Personen gehört zum Konstruktionsprinzip des Romans.) Doch im Kern ist die Frau im Buch dermaßen irrational, dass sie nicht glaubwürdig wirken kann. Sie ist der pure Schein (insofern ebenfalls Programm), bei allen Versuchen des Erzählers, in seiner jeweiligen Rolle hinter ihr Geheimnis zu kommen, schiebt er sie doch nur weiter ins Reich des Sprunghaften, des Oberflächlichen, des Naiven oder des nicht Verstehbaren.
Als Beispiel sei die Passage genannt, wo Gantenbein das Problem löst, dass Lila kein schmutziges Geschirr erträgt, es jedoch weder selbst wegräumt, noch damit leben kann, wenn Gantenbein es tut:
Lila ist rührend. Sie kann es einfach nicht glauben, daß keine saubere Tasse mehr in der Welt ist, nicht eine einzige. Gehn wir aus! sagt sie, um den Heinzelmännchen eine Gelegenheit zu geben … Also geht man aus … Lila kann Schmutz nicht sehen, der Anblick von Schmutz vernichtet sie.
Lila wäscht dann mal einen einzelnen Löffel oder zwei Gläser und lässt den Rest stehen, während Gantenbein, “besserwisserisch wie die meisten Männer, findet, in der Serie gehe es flinker.” Lila wird aber traurig “wie über einen heimlichen Vorwurf”, wenn Gantenbein die ganze Küche putzt und hinterher alles blitzblank ist. Die Lösung:
Gantenbein wäscht jetzt keinen Teller und keinen Löffel mehr, wenn Lila zuhaus ist, sondern nur noch insgeheim, dann immer nur soviel, daß es nicht auffällt. Die Küche sieht aus, als kümmere sich niemand drum, und doch, siehe da, findet man stets noch ein paar Gläser, ein paar saubere Messer, immer gerade genug, und die Aschenbecher sind nie so blank, daß sie wie ein Vorwurf blitzen, nur die Asche wächst nicht zu Bergen an, die ekligen Dattelkerne darin sind verdunstet, ebenso die klebrigen Ringe von Weingläsern auf dem marmornen Tischlein; die Drucksachen, die Magazine von der letzten Woche sind verschwunden, als hätten sie ihre vergilbte Überholtheit endlich selber eingesehen – Gantenbein aber sitzt im Schaukelstuhl, eine Zigarre rauchend, wenn Lila nachhaus kommt, und Lila ist erleichtert, daß er sich nicht mehr glaubt um die Küche kümmern zu müssen.
“Siehst du”, sagt sie, “es geht auch so.”
Alltag ist nur durch Wunder erträglich.
Eine meisterhafte Schilderung, zweifelsohne, und doch bleibt darin Lila so blutleer, wirkt naiv (liebenswert naiv, aber das ändert nichts) und oberflächlich, da sie Gantenbeins Scharade nicht durchschaut, die nicht weniger Scharade ist dadurch, dass er sie als taktvoll darstellt. In Wirklichkeit ist auch Lila als Frau nur oberflächlich beschrieben. Man findet sie charmant von derselben erhöhten Warte aus, von der aus sie vom Autor geschildert wird. Oder Gantenbein bzw. sein Autor geben sich mit dem Anschein zufrieden. AUf diese Weise jedenfalls lässt er die Frauen nie näher als auf Armeslänge an sich heran, braucht sie nicht aus seiner Mystifizierung zu entlassen und kann es sich in seiner Blindheit bequem machen. Ist es also dem Autor vorzuwerfen, dass seine Erzählerrollen dem Schein huldigen, das doch Konstruktionsprinzip des Romans ist?
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