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26.
MRZ

Beiträge, die euch entgangen sind …

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… weil sie sich einfach nicht durch das Sieb des Alltags pressen ließen:

  1. der Beitrag über Susan Sontags Buch “Das Leiden anderer betrachten” (2003): ein Buch über Kriegsfotografie, die Darstellung von Leiden, die Illusion des Konsensus zwischen den Betrachtern, die Rezeption und Bewertung von Fotos aus Krisengebieten. Ein Thema, von dem ich anfangs dachte: “Ach, darüber wissen wir doch schon alles!” Weit gefehlt. Die große Theoretikerin der Fotografie hat sich hier ausgesprochen kluge Gedanken gemacht, die zur Abwechslung ganz untheoretisch daherkommen. Empfehlenswert! (Im Perlentaucher sind noch die Rezensionen nachzulesen. Ein interessanter Film im Zusammenhang mit dem Buch ist übrigens Clint Eastwoods “Flags of our Fathers” über die Geschichte des berühmtesten Kriegsfotos aller Zeiten.)
    ****
  2. der Beitrag über “Gold der Tundra” von Juri Rytchëu: der Roman eines Tschuktschen, der über weite Strecken eigentlich kein Roman ist, sondern eine Art erzählte Ethnographie. Was mich sonst eher abschreckt. Die Faszination und Trauer über Geschichte und Gegenwart dieses hierzulande ziemlich unbekannten Volks ließen mich das Buch dann doch von vorn bis hinten durchlesen. Gekauft habe ich es, weil ich irgendwann mal einen Thriller über einen Agenten las, der auf seiner Flucht durch Asien auch durchs Land der Tschuktschen kam. Leider konnte ich den Roman nicht mehr ausfindig machen. Sachdienliche Hinweise zur Identifizierung nehme ich gern entgegen. Ich würde das Buch glatt nochmal lesen.
    ***
  3. der Beitrag über den argentinischen Tango, den J. und ich uns seit einigen Wochen in die Beine zu prügeln versuchen. So …Tango Argentino

    (Foto von Michael Takanzariti. Siehe Lizenzbestimmungen)

    … siehts bei uns leider noch nicht aus und wirds wohl auch nie, denn dafür fehlt uns die natürliche Eleganz ;-). Interessant daran ist vor allem, wie schwierig es für Männer ist zu führen und für Frauen, sich führen zu lassen. Jenseits aller gegenteiligen Mythen und Märchen!

  4. der Beitrag über das Wirtschaftsmagazin brand eins, das sich spannender liest als der Wirtschaftsteil der Tageszeitung, die Hintergrundberichte von taz und FR und diverse volkswirtschaftliche Studien zusammengenommen. Und das Schönste: Das gesamte Archiv ist kostenlos online zugänglich, der Schwerpunkt des jeweiligen Hefts lässt sich auch anhören statt lesen. Aktueller Schwerpunkt: Spitzenkräfte – unter dem schönen Titel “Diven-Dämmerung“.
    *****
  5. der Beitrag über das Literaturmuseum der Moderne in Marbach, das definitiv einen Besuch wert ist. Innovative Präsentation eines Themas, das sich eigentlich gar nicht präsentieren lässt, weil Literatur ja wahlweise “Axt für das gefrorene Meer in uns” (nicht suchen, Kafka lesen!) ist oder: Kopfkino. Zum Besuch, davor oder danach, empfiehlt sich der Katalog “Denkbilder und Schaustücke”, in dem einige kluge Schreiberlinge ihre Lieblings-Exponate be-schreiben und auch sonst noch viele schöne Worte fallen.Limo bei Nacht
    ****½
  6. der Beitrag über den Niedergang der Frankfurter Rundschau, den ich eigentlich auch gar nicht schreiben will, weil das Faktum, das er beschreibt, mich so frustriert. Warum, o geliebte langjährige Begleiterin, lässt du mich im Stich? Warum verwirfst du deine Redakteure, schrumpfst dein Feuilleton, warum verkaufst du dich, warum verlegst du dich aufs Tabloid? (Schreckliches Wort, das mich alte Anglophilia immer nur an den englischen Ausdruck “tabloid press” erinnert, nicht gerade ein Synonym für Qualitätsjournalismus. Also, mit dem Format kann ich mich abfinden, aber nicht mit dieser Bezeichnung, Fachbegriff hin oder her.) – Leider muss ich berichten, dass ich in letzter Zeit zunehmend zur Süddeutschen greife. Sie war mir nie sonderlich sympathisch, aber das Feuilleton ist toll. Anderes an dieser Zeitung leider auch.
    **

13.
MRZ

Erinnerung. Eine Geburtstagsfeier in Daxlanden

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Sie sitzt mir gegenüber, eins von vielen unbekannten Gesichtern auf dieser Feier. Eine Bekannte der “Jubilarin”. Wir kommen ins Gespräch, der Aufhänger ist unsere Herkunft: “Aber Sie stammen auch nicht hier aus der Gegend, oder?” Sie erzählt von ihrer Kindheit und Jugend in Brandenburg, auf dem Hof ihrer Familie im Oderbruch. Da Jürgen und ich vor zwei Jahren dort im Urlaub waren, habe ich sofort eine Vorstellung von der Gegend. Ausgedehnte, einsame Wälder, hügelige, liebliche Landschaft, die sich zur weiten Ebene des Oderbruchs hin absenkt.

Die Spatzen in der Scheune als Notration

Sie erzählt, wie die Front direkt durch ihren Hof hindurchging: “Der Schützengraben lief quer durch den Keller. Es war alles zerstört.” Vorher die große Flut, die die Felder verwüstet hatte, dann zehn Wochen Krieg. “Was haben wir gehungert. Weil wir auf dem Land wohnten, galten wir als Selbstversorger und bekamen keine Lebensmittelmarken. Aber wir hatten ja nichts. Was nützt einem das Land, wenn es zerstört ist? Dort wuchs nichts mehr, und wir hatten kein Saatgut.” Irgendwie mussten sie sich behelfen:

“Einmal hat mein Bruder ein paar übrig gebliebene Maiskörner in den Eingang der Scheune geworfen, da kam ein großer Schwarm Spatzen, die haben sie erschlagen. An dem Tag habe ich dreiundzwanzig Spatzen gerupft. Wir haben eine Suppe daraus gekocht. Mein Vater guckt in den Topf und sagt: ‘Da schwimmt ja sogar ein Fettauge drin!’ Fettaugen, wir wussten gar nicht mehr, wie die aussehen. Fett hatten wir ja schon lange nicht mehr gehabt.”

Sie verließen den Hof und suchten bei Verwandten Schutz. Als junges Mädchen wurde meine Gesprächspartnerin “eingezogen”: “Das ging ganz schnell, einfach kurz mal ‘n Rotkreuz-Kurs gemacht, und dann ins Krankenhaus. Nach und nach ging das Verbandszeug aus. Es fehlte ja an allem! Am schlimmsten waren die Bauchschüsse. – Und dann die Vergewaltigungen! Die Frauen haben sich alle versteckt. Und wir Mädchen: Wenn die Russen kamen, sind wir zwischen Kleiderschrank und Wand gekrochen und trauten uns nicht zu atmen.”

Sie meint, man müsste das alles aufschreiben. “Ich könnte ein ganzes Buch darüber schreiben!” Dokumentationen über die Zeit könne sie sich nicht ansehen. “Auch Filme, ‘Dresden’ oder so, das kann ich nicht gucken. Mir kommt dann alles hoch, ich fange an zu zittern und zu heulen. Da schalte ich lieber gleich ab.”

Zeitzeugen im Prime-Time-TV nicht zugelassen

Ich merke, wie sie jetzt noch von den Ereignissen eingeholt wird. Ich erinnere mich an die Zeitzeugen, die am 1. März, natürlich spätabends, bei Johannes B. Kerner zu Gast waren. Wir gerieten zufällig an die Sendung und hörten mit offenem Mund zu, wie Rosemarie von Berlepsch, Ursula Elsner und Heinz Schubert erzählten und teilweise noch nach sechzig Jahren von ihren Gefühlen überwältigt wurden.

Ich bin fasziniert davon, dass es in Deutschland immer noch nicht möglich ist, über die Erfahrungen des Krieges zu diskutieren, ohne in den Ruf zu geraten, zu den ewig gestrigen Relativisten und Revanchisten zu gehören. Das zeigen auch die Reaktionen auf den Film “Dresden”. Dass er eine kitschige Liebesgeschichte zeigt, wird empört ausgemalt; seine Bedeutung als Teil der – gerade einmal zaghaft beginnenden – Erinnerungskultur ignoriert. Niemand scheint sich dafür zu interessieren. Hohn und Spott werden über die Regie ausgegossen, aber das Thema wird ignoriert. Ist es immer noch ein Tabu?

Unglaubliches geleistet hat übrigens für die Erinnerung, das historische Bewusstsein und die Literatur, der Schriftsteller Walter Kempowski. Wann bekommt er eigentlich den Literatur-Nobelpreis? Muss er erst sterben?