Sie interessieren sich für Fotografie und die Kunst des Sehens? Dann sind Sie hier richtig.
Some posts and pages are available in English and German. I'll be glad if you enjoy my pages on photography.

12.
JUN

Was machen eigentlich … meine Nachbarn?

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Während der Regen draußen passend zur deutschen EM-Niederlage gegen Kroatien heftig vom dunklen Himmel rauscht, schaue ich mal, was meine Nachbarn in der letzten Zeit so gemacht haben:

  • Steffens Wettbewerb auf Lens-Flare.de mit dem interessanten und beliebten Thema “Verlassenes” ist abgeschlossen, die Gewinner sind hier, die Plätze 4-10 hier dokumentiert. Ich hätte ja Platz 2 und Platz 7 auf die ersten Plätze gewählt … nun ja. Das Gewinnerbild ist gar nicht mein Geschmack, aber dass es Martin Gommel gefällt, wundert mich überhaupt nicht :-). Immerhin lernt man ein paar schöne Fotoblogs kennen. Mal gespannt, wer noch auf Platz 11-20 auftaucht …
  • Bildwerk 3 gräbt immer wieder spannende Fotografen aus, führt gute Interviews und ist auch sonst eine Augenweide. Besonders gut gefielen mir in letzter Zeit die sehr unterschiedlichen Interviews mit Eberhard Schuy (Online-Fotografie-Kurse als eine Art virtuelle Papierbildauflage), mit der “Fotografenflüsterin” Dr. Martina Mettmer (deren Fotofeinkost lesenwert ist, siehe Blogroll) und mit Felix Rachor (dem Fotografen, der weiß, was er will - und auch danach handelt). Danke und weiter so!
  • Stefan Bucher hat in einer autodidaktischen Fotoklasse interessante Einsichten in die Porträtfotografie gewonnen. Den Augenblicken Zeit lassen sollen wir. Das stimmt. Für deinen Beitrag “latente Bilder” lasse ich auch mal wieder ein Foto von mir springen, Stefan:

    Denn es gehet dem Menschen wie dem Vieh ...
    Viehscheid in Obermaiselstein 2007

  • Und was macht der BasicThinking-Ableger Ansichtssache, der Fotografie-Blog mit dem schönen Namen? In den letzten zwei Monaten sind ganze fünf Beiträge zusammengekommen, von denen jeder einzelne nur aus Links besteht. Die davor im Grunde auch. Schade, auch Anschubhilfe von einem Großen konnte nicht verhindern, dass eine gute Idee im Sande verläuft.
  • Unterdessen weist der Chronist darauf hin, dass Leo Fritz Gruber am 7. Juni seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte. Wer das ist? Der Begründer der Photokina. Eine Ausstellung über die Freundschaft zwischen Man Ray und Leo Fritz Gruber läuft zur Zeit in Köln.

Länger soll die Rundschau auch gar nicht werden, sonst wird die Nacht wieder zu kurz.

28.
MAI

[german]Serie zur Straßenfotografie auf dem Sonic Blog[/german][english]Link Tipp: Learn about Street Photography with The Sonic Blog[/english]

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[german]Peter Feldhaus vom Sonic Blog hat es dankenswerterweise auf sich genommen, eine Serie zur Straßenfotografie zu veröffentlichen. Die ersten beiden Teile sind bereits online: Straßenfotografie heute und Straßenfotografie-Gemeinschaften. Da ich mich zur Zeit auch allmählich an dieses Genre herantaste …

Woman on the phone

… ganz heimlich von hinten eben …

… freut mich das sehr. Es lohnt sich wirklich, sich bei den von Peter verlinkten Fotografen und Street-Communities einmal umzuschauen.

Die Frage, die mich am brennendsten interessiert, sobald ich die praktische Frage “Wie schaffe ich es, mich zu trauen?” hinter mir gelassen habe, ist allerdings die:

Was macht eine gute Straßenfotografie aus?

Wenn es vor allem auf den berühmten Augenblick ankommt, wenn technische Aspekte in den Hintergrund treten – wer rettet uns dann vor der Beliebigkeit einer willkürlich ausgewählten Straßenszene?

Fangen wir doch bei mir an: Warum finde ich das Bild von der Frau gelungen?

  • Die nach hinten gestreckte Hand mit der Zigarette hat ein Gegengewicht in dem linken nach außen gestellten Bein
  • die beiden angedeuteten Diagonalen von linkem Bein und rechtem Arm haben ihr Gegengewicht in den senkrechten Linien der Telefonsäulen, aber mehr noch:
  • Man sieht nicht, was die Frau in ihrer linken Hand hält: ein Adressbuch? ihre Geldbörse?
  • Will sie telefonieren? Hat sie telefoniert? Überlegt sie, ob sie ihren Liebsten anruft und mit ihm Schluss macht? –> man könnte sagen, das Bild möchte eine Geschichte erzählen, bleibt aber offen
  • das Bild weckt Emotionen, ein Aspekt, der mir in der Fotografie sehr wichtig ist. Nicht im Sinne von Werbung (”Oh, die Kampagne ist so emotional!!”), sondern im Sinne von einer sich mit fortgesetzter Bildbetrachtung steigernden Emotion, die sich z.B. in Fragen, Staunen oder Neugier äußern kann

Häufig finde ich Straßenfotografie gelungen, wenn disparate Elemente im Bild auf berührende oder witzige Weise kombiniert sind. Das gilt z.B. für den zur Zeit “gefeatureten” (gibts das auf deutsch?) Fotografen Jeffrey Ladd von der ebenfalls von Peter genannten Street-Gemeinschaftsseite iN-Public.

Wie gehts euch bei Betrachten von guter oder schlechter Street Photographie? Habt ihr Qualitätskriterien? Vorlieben, Abneigungen?

[/german]
[english]

Peter Feldhaus of The Sonic Blog thankfully undertakes to write a series on street photography. The first two installments have already been published: Street photography today and Street Photography Communities. Since I’ve been approaching this genre, gradually …

Woman on the phone

… secretly behind your backs, as it were …

… I’m very glad about Peter’s initiative. It is really worthwile to study the work of the photographers Peter mentioned and to browse the sites of the street photographers’ communities.

The question which interests me most, though – as soon as I have solved the practical question how to be bold enough to start – is this:

What constitutes a good street photograph?

If street photography is all to to with the famous ‘moment’, if technical aspects remain in the background – who is going to save us from the arbitrariness of a street scene chosen at random?

Let’s start by looking at my photo above.: Why do I find it’s rather well done?

  • The hand with the cigarette held out is counterweighed by the left leg held slightly askew
  • the diagonal lines suggested by the woman’s left leg and right arm are counterweighed by the vertical lines of the phone posts, but what is more:
  • you don’t see what she holds in her left hand: an address book? a purse?
  • Does she want to make a phone call? Has she just made it? Does she wonder whether to call her lover and break with him over the phone? –> you might say the photograph would like to tell a story but isn’t allowed to.
  • the image triggers emotions, an aspect which is very important to me in photography. Not in the sense of emotional advertising (’well, this campaign is so emotional!’) but in the sense of an emotion which grows stronger, the longer one looks at a photograph, an emotion which may be expressed as questions, amazement, curiosity …

Often, I like street photography when there are disparate elements combined in a touching or funny way. This is the case, for instance, with the work of Jeffrey Ladd which is just being featured on the community iN-Public.

I also like photograph where, on looking closely, you discover relationships between people, between things, or between people and things. Like in my photo where there seems to be a relationship between the woman and the two telephone poles.

What do you feel when looking at good, bad or ugly street photography? Are you conscious of criteria of excellence? What preferences or aversions do you have?

[/english]

25.
MAI

[german]Ausstellungstipp: Cartier-Bressons Paris-Fotos in Fellbach[/german][english]Photography Exhibition: Cartier-Bresson Looks at Paris[/english]

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[german]Im Fellbacher Rathaus wird am kommenden Donnerstag um 19.00 Uhr die Ausstellung “Henri Cartier-Bresson: Fotografien à propos de Paris” eröffnet. HCB wäre am 22. August 100 Jahre alt geworden. In der Ausstellung werden rund 80 Fotografien des Street-Spezialisten aus Paris gezeigt. Daneben ist auch der Dokumentarfilm „Henri Cartier-Bresson: Biographie eines Blicks“ von Heinz Bütler zu sehen.

Weitere Informationen zu Vernissage, Ausstellung und begleitenden Veranstaltungen bietet die Ausstellungs-Webseite.

[/german]

[english]The exhibition “Henri Cartier-Bresson: Fotografien à propos de Paris” opens next Thursday at 7 p.m. in the Fellbach City Hall. HCB would have been 100 years old on August 22, 2008. The exhibition shows around 80 photographs Cartier-Bresson took in Paris. The documentary „Henri Cartier-Bresson: Biographie eines Blicks“ by Heinz Bütler will also be shown.

For more information on vernissage, exhibition and side-events, see exhibition website.[/english]

22.
FEB

Schubladendenken – Beschränkung oder Freiheit in der Fotografie?

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Gerade im Deutschlandfunk gehört: Das Berliner Museum für Naturkunde besitzt 30 Millionen Sammlungsstücke. 30 Millionen! Aber es wird ja nicht nur gesammelt, sondern das Gesammelte wird geordnet, kategorisiert, klassifiziert, in Schubladen gepackt, einer Taxonomie unterworfen.

Woher kommt der Drang, die Dinge in Schubladen zu packen, zu ordnen, zu benennen, Kategorien zu bilden und nach welchen Regeln bilden wir sie? Psychologin Claudia Friedrich von der Universität Hamburg:

“Die Kognitionswissenschaft hat sich irgendwie nicht auf eine Regel festlegen können, wie wir jetzt Gegebenheiten in der realen Welt denn wirklich in solche Kategorien umsetzen, wir wissen nur, wir tun es. Und wir tun es sehr schnell, und solche Kategorien bestimmen unsere Wahrnehmung und unser Denken und unser Gedächtnis, also sozusagen alles, was uns so kognitiv ausmacht und wahrscheinlich deshalb, damit wir diese Welt vorhersagen können, und das war mal evolutionär von großem Vorteil.”

Und weiter:

Schlechtes von Gutem trennen, brauchbare von unbrauchbarer Nahrung unterscheiden, Gefährliches und Ungefährliches durchschauen - Kategorien im Gehirn bilden zu können, um zu überleben ist das eine. Die Anwendung dieser Fähigkeit beim Menschen aber geht weiter:

“Es bestimmt natürlich unsere Kulturpraxis, weil wir mit diesem Apparat unsere Kultur bilden, weil wir mit diesen kognitiven Apparaten alle zusammen wirken und das wahrscheinlich eine der Eigenschaften ist, die wir mitbringen in diese kulturelle Welt: Kategorien zu bilden.”

Schubladendenken oder lebensrettende Ordnung der Welt?

Dass uns das Schubladendenken hilft, unsere Welt zu verstehen, dass wir die Welt kategorisieren, um nicht von der schieren, unüberschaubaren Masse der Dinge erschlagen zu werden, ist ein Gemeinplatz. Die Heckenbraunelle teilt die Insekten in essbare und nahrhafte einerseits und in ungenießbare oder nährwertarme andererseits ein, eine Fähigkeit, die sie zum Überleben braucht. Der Mensch teilt seine Mitmenschen in sympathische und unsympathische ein, sucht Erstere und meidet Letztere. Er ordnet seine Bücher im Regal alphabetisch nach Autor oder systematisch nach Fachgebiet, sortiert “Vorgänge” in Hängemappen und Dateien in Ordner ein, um nicht den Überblick zu verlieren.

Kategorisierung in der Fotografie

Und die Fotografin: Von kameratechnischen oder objektivkundlichen Kategorien einmal abgesehen, auch die wenig hilfreichen Bindestrich-Fotografien (Makro-, Landschafts-, Porträt-, Sach-, Sport- …) einmal beseite gelassen, ist auch das Sehen vieler Fotografen von Kategorien bestimmt. Die Könige der Kategorisierer sind wohl Bernd und Hilla Becher (mehr Infos zu dem Fotografenpaar hier): Ihre fotografischen Typologien – europäische und nordamerikanische Hochöfen, Kalköfen, Fördertürme, Gasbehälter, Wassertürme oder Kohlebunker – sind legendär. Ich zitiere aus der Beschreibung einer Ausstellung in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen 2004:

Als “Typologie” bezeichnet das Künstlerpaar solche Werke, in denen Fotografien gleichen Formats zu Blöcken von 9, 12, wie hier 15 oder auch 16 Einzelbildern zusammengefasst sind. Die Objekte werden nach funktionalen, regionalen, strukturellen, historischen und ästhetischen Gesichtspunkten geordnet und zu strengen Tableaus komponiert. Der innere Zusammenhalt solcher Bildfolgen, vor allem aber die Vergleichbarkeit und Lesbarkeit der Objekte wird dabei garantiert durch die Schwarzweißfotografie, ein immer gleich bleibendes Aufnahmeverfahren, und durch die Konzentration auf wenige Konstruktionstypen.

Auch wem eine derartige Akribie fremd ist, der wird sich wiederfinden in dem Drang zur Kategorisierung. Unsere Internet-Galerie sortieren wir in Landschafts-, Porträt- und Reisefotografie, unsere Fotos in Alben oder digitale Ordner …

Ohne Beschränkung, Thema, Projekt … geht nix

Und wenn wir fotografieren gehen, ohne konkretes Ziel? Auf dem Kunstfotografie-Markt kann man heutzutage kaum noch etwas werden ohne ein “Thema”, ein “Projekt”, man beschränkt sich auf eine Kategorie, eine “Schublade”, wenn ihr so wollt, man fotografiert Serien oder eben Typologien – nur den obersten zehn, zwanzig oder hundert Fotografen wird es gelingen, mit 5, 20 oder 45 bezugslos durcheinandergewürfelten Arbeiten eine Ausstellung zu bestreiten. Auch die meisten Fotowettbewerbe setzen ein Thema.

Ausstellung zum Architekturfotografiepreis: Beschränkung als Fokussierung

Gestern gab es in der VHS Stuttgart die Vernissage der Ausstellung zum Europäischen Architekturfotografie-Preis 2007 (mehr Fotos bei architekturbild e.V.). Thema war: “Lieblingsplätze”. Schon die Preisbezeichnung stellt eine Einschränkung der Motivwahl dar (es geht um Architekturfotografie), eine weitere ist das Thema. Die extrem unterschiedlichen Interpretationen der Begriffe “Architektur” und “Lieblingsplatz” im Wettbewerb machen deutlich, dass eine Kategorie, die immer eine Sache eingrenzt und anderes ausgrenzt, offenbar immense kreative Energien freisetzt. Eine Beschränkung ist in diesem Fall, und in vielen anderen Fällen, kein Nachteil, sondern ein Vorteil: Beschränkung bedeutet Fokussierung.

Und: Die Teilnehmer des Wettbewerbs legten sich weitere Beschränkungen auf: Mit Architektur soll es zu tun haben, Lieblingsplätze sollen es sein? Gut, ich fotografiere nur eine einzige Kategorie von Lieblingsplätzen: Knastzellen, Ferienhäuser, Dauercamper bei Nacht … Das Ergebnis ist eine unglaubliche Vielfalt an Sichtweisen, Sehweisen, Fokussierungen.

Beschränkung als Mittel der fotografischen Weiterbildung

Weitere Beschränkungen lassen sich denken und werden immer wieder empfohlen, um uns fotografisch voranzubringen:

  • Beschränkung auf die manuellen Einstellungen an der Kamera
  • Beschränkung auf ein einziges Objektiv
  • Beschränkung auf eine einzige Festbrennweite
  • Beschränkung auf einen Ort, eine Tageszeit …

Wie steht ihr zur Kategorisierung in der Fotografie? Wenn ihr fotografieren geht, passiert es euch, dass ihr z.B. die Schönheit und Eleganz von Straßenpollern entdeckt und in der fremden Stadt plötzlich nur noch Straßenpoller “seht”, am Ende mit einer Typologie von Straßenpollern nach Hause kommt? Nichts anderes mehr fotografiert, euch plötzlich auf ein Thema, eine “Kategorie” beschränkt?

Mir ist sowas mal mit stinknormalen Leitungen, Telefonanschlüssen außen an Häusern etc. passiert. Etwa so:

eines von vielen Leitungsfotos, keine Typologie
(Mehr davon gibts hier)

Aber eine Typologie ist es nicht geworden. Dafür fehlt mir einfach die pedantische Ader. Dafür hat es mich gelehrt, dass weniger Breite mehr Tiefe bedeutet. Es war eine aufregende Entdeckungsreise. Und bis heute bin ich nicht dahintergekommen, woher genau denn jetzt meine Faszination für diese banalen Objekte rührt.

Ist das dem Menschen offenbar angeborene Denken in Kategorien eine Quelle der Kunst? Ist Sortieren, Kategorisieren, Ordnen der Welt eine Vorausssetzung für Kreativität? Banale Fragen vielleicht, doch sie treiben mich um.

Wie stehts bei euch? Empfindet ihr eine Beschränkung auf einem Gebiet als Chance zur Freiheit und Kreativität auf einem anderen? Welche Beschränkungen erlegt ihr euch beim Fotografieren freiwillig auf? Aus welchen Gründen?

13.
FEB

Fotografen vorgestellt: Ralf Spieß

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Ralf Spieß habe ich über meine Fotogruppe bei Volker Schöbel, den hier schon mehrfach erwähnten fortlaufenden Stuttgarter VHS-Kurs “Kunst des Sehens” kennengelernt. Ralfs Fotos und seine offene Art, über Fotografie zu sprechen, faszinieren mich, daher möchte ich ihn und einige seiner Arbeiten heute vorstellen. Ich habe ihm ein paar Fragen gestellt und um Fotos aus einer Serie gebeten, die mir im Kurs besonders gut gefallen hatte:

Ralf Spieß: “Abschied”
(für große Version aufs Bild klicken)

Ralf Spieß: Abschied I

Ralf Spieß: Abschied II

Ralf Spieß: Abschied III

8 Fragen an Ralf Spieß

1. Wie bist du zur Fotografie gekommen?

Das ist lange her. Während des Studiums, so mit 20 Jahren, habe ich begonnen, analog mit einer SLR zu arbeiten. Ich entdeckte bereits damals meine künstlerischen Ambitionen, doch aus Spar- und Kostengründen habe ich mich immer sehr eingeschränkt. Jede Aufnahme zensiert, bevor ich auf den Auslöser drückte.

Der Durchbruch kam dann vor ca. 5 Jahren mit der vermeintlich seelenlosen Digitaltechnik. Seither sind ausufernde fotografische Experimente möglich, ohne finanziellen Ruin fürchten zu müssen. Meine Bilderwelt hat sich seither sehr gewandelt.

2. Welchen Stellenwert hat die Fotografie in deinem Leben – was bedeutet sie dir?

Die Fotografie ist ein Mittel, mich künstlerisch mit meiner Umwelt auseinander zu setzen. Dabei stehen für mich subjektive Wahrnehmungen und Stimmungen im Vordergrund. Für mich ist Fotografie ein seelischer Prozess, in dem meine Innenwelt mit der Außenwelt reagiert.

Außerdem liebe ich an der Fotografie das Statische, die Konzentration auf den Augenblick, die Möglichkeit zur Langsamkeit. Ich genieße es, die Zeit anhalten zu können, sie einzufrieren, sie auf einen Punkt zu konzentrieren, sie zurückzudrehen.

In der Fotografie und anderen Formen des künstlerischen Ausdrucks lebe ich einen wichtigen Teil meiner Persönlichkeit.

3. Wie gehst du beim Fotografieren vor? Gehst du von einem Konzept aus oder passiert es eher spontan?

Beides.

Oft nehme ich den Fotoapparat spontan in die Hand. Dann entstehen sehr viele Aufnahmen in sehr kurzer Zeit. Rationales Denken, Planen, Konzipieren, Abwägen, Verwerfen findet nicht statt. Ich lass es einfach laufen.

Andere Projekte gehe ich gezielt an. Ich mache mir vorher meine Gedanken, plane, bereite mich vor. Beim eigentlichen Umsetzungsprozess verlasse ich mich dann wieder auf meine Intuition

Am heimischen Rechner durchläuft das digitale Rohmaterial dann einen zweiten, wichtigen Schaffensprozess. Wenn mich eine Aufnahme berührt, nähere ich mich ihr mittels eines Bildbearbeitungsprogramms, das es mir ermöglicht, sie spontan und aus dem Gefühl heraus in kurzer Zeit zu beeinflussen.

Für den Weg aufs Fotopapier schließlich benutze ich einen einfachen, technisch überholten Inkjet-Drucker, der den Ausdrucken eine mir sympathische Unvollkommenheit verleiht.

Diesen Effekt versuche ich neuerdings zu steigern, indem ich manuell Einfluss nehme. So kann ich der beliebigen Reproduzierbarkeit veredelter, virtueller Bilddaten etwas Sinnliches, ganz und gar Substanzielles entgegensetzen. Ich will in meiner Arbeit als ihr Schöpfer spürbar bleiben.

4. Nach welchen Kriterien würdest du ein Foto als gelungen bezeichnen?

Wenn es mich emotional berührt. Wenn es authentisch ist und ich glaube, etwas von dem Menschen hinter der Kamera zu spüren. Und natürlich muss mich die Bildästhetik ansprechen.

Ein gutes Foto ist nach meiner Auffassung eines, das in der Seele des Betrachters Resonanz erzeugt.

Dabei kommt es für mich auch auf den Zeitpunkt der Betrachtung an. Im Laufe meiner persönlichen Entwicklung haben schon manche Fotos ihre Bedeutung für mich verloren. Das geht mir auch mit eigenen Arbeiten so.

5. Welche fotografischen Vorbilder hast du, und warum?

Viele, wenn man deren Inspirationen für meine eigene Arbeit betrachtet.

Keine, wenn man ein Vorbild als etwas verstehen will, das ich versuche zu imitieren.

Immer neue, sobald meine Neugier geweckt wird.

Derzeit sind es Sally Mann und Jan Saudek.

Ich mag die Intimität bis hin zur Morbidität in den Fotografien Sally Manns. Ihre Arbeit ist atmosphärisch aufgeladen. Sally Mann zeigt gegensätzliche Zeitebenen, Schönheit und Unschönheit, existente, vergehende, vergangene. Materie und Geist. Sie legt diese Ebenen wie Schichten aufeinander. Sie gewährt überraschende und manchmal verstörend ungeschützte Einblicke in ihr Leben. Die verwendete Fototechnik ist dabei Teil des Konzeptes. Das Nassplatten-Collodium-Verfahren ist handwerklich, umständlich und unvollkommen. Dabei erzeugt die oft verletzte lichtempfindliche Schicht auf der belichteten Glasplatte eine Sinnlichkeit, die sich mit Händen greifen lässt.

Bei Jan Saudek findet eine Sensibilität im Sinne Sally Manns einen kompromisslos männlichen Ausdruck in praller, ungeschminkter Lebenslust. Er liebt und zeigt das Leben wie es ist – und die unverblümte, selbstbewusste Weiblichkeit seiner Modelle als einen wesentlichen Teil davon. Saudek ist ein sensibler und potenzstrotzender Kerl zugleich, der einen klaren Standpunkt nicht scheut.

Es sind viele meiner Themen, die ich in den Fotografien der beiden wiederfinde. Die Aufnahmen gehen mir unter die Haut, jedesmal wenn ich sie betrachte.

6. Wie bildest du dich fotografisch weiter?

Im Tun, im Betrachten und im Austausch über Fotografie.

Z.B. bei Volker Schöbel in der „Kunst des Sehens”. Diese Gruppe ist ein relevanter Bestandteil meines photografischen Lebens. Hier geht es um Menschen und deren subjektive Sichtweisen, um Gefühle und Haltungen, um Bildästhetik, um die Frage, was denn wohl Kunst sei. Ich mag die offene Atmosphäre bei Volker, die Fülle von Angeboten und Meinungen, das Fehlen von Festlegungen.

Einige meiner mir wichtigen Arbeiten gehen auf Inspirationen dieses Kurses zurück.

7. Welche Themen beschäftigen dich zur Zeit?

Das Abbilden von Zeit- und Seelenräumen. Die Geschichten im Kopf der Betrachter meiner Fotografien. Die Verstärkung von Emotionalität durch Abstraktion. Experimentelle Prozesse. Der Mensch und der Sinn seines Daseins.

Dann gibt es noch meine Liste mit ganz unterschiedlichen Einzelprojekten, die darauf wartet, abgearbeitet zu werden.

8. Welche Fotos präsentierst du mir und den Schauplatz-Besuchern heute, und welche Bedeutung haben sie für dich?

Ich habe Fotos gewählt, die das von mir Gesagte illustrieren sollen. Es sind zwei kleine Serien, jeweils 3 Aufnahmen aus umfangreicheren Bildreihen.

Beide entstanden situationsbedingt spontan. „Abschied” kanntest du schon. Du hattest mich anlässlich dieses Interviews darauf angesprochen, daher habe ich sie gewählt. „Zerfreila” soll durch einen anderen Gefühlsaspekt die Wirkung von „Abschied” kontrastieren. Die Fotos erzählen dem Betrachter Geschichten, die nur er kennt. Sehr mysteriös – gefällt mir.

Wer sich auf die Fotos einlassen kann, erfährt etwas über mich und ggf. auch etwas über sich selbst. Daher sind die Fotos wichtig – es geht mir um Menschen, die Sehenden, die Gesehenen und die Betrachtenden.

Ralf Spieß: “Zerfreila”
(für große Version aufs Bild klicken)

Ralf Spieß: Zerfreila

Ralf Spieß: Zerfreila

Ralf Spieß: Zerfreila