Sie interessieren sich für Fotografie und die Kunst des Sehens? Dann sind Sie hier richtig.
Some posts and pages are available in English and German. I'll be glad if you enjoy my pages on photography.

30.
JUL

Ausstellungstipp: “Female Trouble” in München

Abgelegt unter Rezensionen, Schauen, Schlendern | Trackback

Lust an der Selbstinszenierung, Maskeraden, Fragen nach geschlechtlicher Identität und Repräsentation des Weiblichen in der Kunst – um diese Themen kreist eine Ausstellung, die zur Zeit in der Pinakothek der Moderne zu sehen ist:

Female Trouble: Die Kamera als Spiegel und Bühne weiblicher Selbstinszenierungen

Weg zur Ausstellung

Früher konnte ich Selbstinszenierungen nichts abgewinnen. Ich dachte höchstens: Ach, was für eitle Menschen müssen die sein, die so etwas machen. Meine Erfahrungen in der Sommerakademie Gestalterische Fotografie haben mich eines Besseren belehrt. Jetzt sage ich: Selbstinszenierung ist toll!

Nachdem ich meine Serie mit dem Titel “Vertrautes Land” in der Sommerakademie erstellt hatte, dachte ich bei mir: Eigentlich ist diese Selbstinszenierung eine Therapie für die Fotografin – der Betrachter der resultierenden Fotos hat nichts davon. Bei der Präsentation der Serie stellte ich dann aber fest, dass ich Unrecht hatte. Die Besucher konnten sich durchaus damit identifizieren.

Selbstinszenierung - Therapie oder Provokation

Nach dem Besuch der Ausstellung würde ich das ähnlich sehen: Ja, teilweise erschienen mir die Bilder stark therapeutisch (der Ausdruck ist übrigens in keiner Weise abwertend gemeint, ich will das Ganze auch nicht pathologisieren), vielleicht ist “heilend” der bessere Begriff. Der heilende Effekt mag aus dem Vertreiben beängstigender eigener Dämonen, der Darstellung unbewusster Ängste, wie in Francesca Woodmans Arbeiten “Polka Dots”, “House # 3″ und “House # 4″, Bilder, in denen die Fotografin sich an abblätternden Wänden eines verlassenen Hauses darstellt, verwischt mit dem Gesicht zur Wand oder unter einer Fensterbank an die Wand gepresst, mit wehendem Kleid und verschrecktem Blick oder gar hinter einer losen Kaminverkleidung verschwindend. Sehr starke, emotionale Arbeiten, die aber nicht nur der Fotografin etwas bedeuten. Offenbar finden hier, wie so oft in der Kunst, individueller Ausdruck und gesellschaftliche Bedürfnisse zusammen.

Andere Arten der Selbstinszenierung sind Experimente mit dem eigenen Körper, Provokation oder der Versuch, den eigenen Körper als Ausdrucksmittel und Projektionsfläche zu benutzen, wie in Ana Mendietas Serie “Glass on Body Imprints”:

Ana Mendieta

Ana Mendieta, “Glass on Body Imprints”, 1972

Prokante Selbstinszenierungen sind die “Self Portraits” von Sarah Lucas, die ich als “very seventies’” empfand, die aber zwischen 1990 und 1998 entstanden sind. Dass die Künstlerin hier den ambivalenten Blick auf weibliche Figuren aufs Korn nimmt und sich über verbreitete erotische Phantasien vom Weiblichen lustig macht – sie sitzt breitbeinig herausfordernd im Sessel, zwei Spiegeleier auf der T-Shirt-Brust -, mag stimmen, doch ich habe den Verdacht, dass sie sich einfach nur köstlich amüsiert hat.

Sarah Lucas
BesucherInnen bestaunen Sarah Lucas’ Selbstporträts

In der Ausstellung sind jedoch beileibe nicht nur Selbstinszenierungen vertreten. Monica Bonvicinis Videoinstallation “Destroy She Said” zum Beispiel ist eine Collage aus Filmausschnitten aus den 1950er bis 1970er Jahren, mit Bildern von Frauen, die sich an Wände lehnen, ängstliche Frauen, traurige, enttäuschte, verlassene Frauen in Filmen von Godard, Antonioni, Rosselini, Polanski und Fassbinder - hintereinander geschaltet, entlarven sie ein Frauenbild, das von Schwäche und Hilflosigkeit geprägt ist, ein Bild von der Frau, die sich immer an eine Wand lehnen muss, hinter der sie zugleich gefangen ist. Eine verwirrende und bedrückende Arbeit, die auf zwei schräg zueinander stehenden, sehr großen Leinwänden präsentiert wird, einfachen Holzkonstruktionen, die noch von Resten des Baumaterials umgeben sind. Dieser Aspekt ist mir allerdings etwas fremd geblieben.

Monica Bonvicini
Monica Bonvicini, “Destroy She Said”, 1998

Ein starker Magnet der Ausstellung sind natürlich die Werke von Cindy Sherman, die mit ihren “Untitled Film Stills” bekannt wurde. Sie ist mit der Serie “Bus Riders” (1976), mehreren Einzelwerken und einigen “History Portraits” vertreten. Letztere inszenieren Gemälde der Vergangenheit mit überzeugender technischer Perfektion, um diese klischeebehafteten Frauendarstellungen dann durch einzelne Gesten oder Details zu entlarven, meist künstliche Brüste, die irritierend wirken durch ihre malerische Darstellung, der man zunächst fast auf den Leim geht. Ein Beispiel ist “Untitled #216″, das hier im Hintergrund zu erahnen ist:

Cindy Sherman
Cindy Shermans Foto den hinter Besuchermassen

Cindy Sherman
Cindy Sherman, “Untitled #93″ (1981) und “Untitle #114″ (1982)

Über die erwähnten Fotografinnen (und Fotografen!) hinaus gibt es noch zahlreiche weitere zu entdecken – unter anderem Diane Arbus, Gertrud Arndt, Marta Astfalck-Vietz, Ellen Auerbach, Claude Cahun, Sophie Calle, Valie Export, Nan Goldin, Mathilde ter Heijne, Hannah Höch, Birgit Jürgenssen, Jürgen Klauke, Astrid Klein, Nikki S. Lee, Tracy Moffatt, Pierre Molinier,Pippilotti Rist, Katharine Sieverding.

Adlige und bürgerliche Rollenspiele im 19. Jahrhundert

Besonders spannend auch die Erkenntnis, dass es schon im 19. Jahrhundert Frauen gab, die sich vor der Kamera inszeniert haben. So etwa Virginia Oldoini Verasis Comtesse de Castiglione (1837-1899), die sich von einem Pariser Modefotografen in schönsten Posen ablichten ließ (etwa “Vengeance”, 1863-1867). Zu sehen sind auch wunderschöne Albuminabzüge aus den 1860er und 1870er Jahren von Julia Margaret Cameron, die allein schon das Anschauen lohnen.

Der Kuratorin Inka Grave Ingelmann, auch Herausgeberin des bei Hatje Cantz erschienenen Katalogs, hat eine aufregende Ausstellung zusammengestellt, auf der so manche Entdeckung zu machen ist. Die Schau ist noch bis zum 26.10.2008 in der Pinakothek der Moderne zu sehen.

Eingang zur AusstellungBesucherin asking for female trouble

Rezensionen der Ausstellung haben außerdem:

10.
MAI

Blogine Award – brauchen wir einen Busenvergleich?

Abgelegt unter Worte des Tages | Trackback

Der Schauplatz wurde für den Blogine Award von Bondea nominiert. Was ist das eigentlich, dieser Award, und wer um aller Welt ist Bondea?

bondea

Der Award (gibt es kein deutsches Wort? Mit dem Alter werde ich immer konservativer, was unnötige Anglizismen betrifft) wird ausgelobt von Bondea, nach eigenem Bekunden “Deutschlands erste kostenlose Freundinnen Plattform nur für Frauen”. Frau ist also pink, denkt sich die Besucherin als erstes, wenn sie die Bondea-Seite besucht. Haben uns nicht schon unsere Eltern ständig in rosa Klamotten gesteckt? Oder soll es ein feministisches, sozusagen subversives Rosa sein? Wohl kaum …

Stimmerkennung als Aufnahmekriterium

Um Bondea kennenzulernen, muss ich nicht nur Name und E-Mail angeben, sondern auch noch einen Anrufbeantworter anrufen, damit aus meiner Stimme zweifelsfrei mein Frausein herausgehört werden kann. Da kommen mir aber Zweifel. Geht das überhaupt? Da fällt mir gleich die Staatsanwältin im Münsteraner Tatort ein, die eine so wunderbar männliche Stimme hat. Würde die nicht durchfallen? Und was ist eigentlich mit Transen, Transsexuellen und anderen Grenzüberschreiterinnen? … ja, mir kommen noch mehr Fragen:

Was ist eigentlich eine Frau?

(Ich bin wohl dabei, meiner Nominierung und erst recht der Auswahl des Schauplatzes das Wasser abzugraben, aber ich kann nicht anders.) Es gab Zeiten und Orte, alles streng offline, wo es ein Leichtes war dafür zu sorgen, dass Frauen unter sich bleiben: Frauenbuchläden der strengeren Variante, Frauendiscos usw. Hat schon immer für Konflikte gesorgt, intern und extern, nur in der Frauensauna nicht ;-). Ich war auch immer der Meinung, dass Frauen “ihre Orte” brauchen ebenso wie Männer sie sich schaffen (aber nicht, weil Männer das auch tun). Aber online hat diese Exklusivität schon etwas ziemlich Farcenhaftes an sich. Außerdem habe ich nicht den Eindruck, dass die “Nur für Frauen”-Politik bei Bondea politisch, will sagen feministisch ist. Aber wie kann ich das sagen, wo ich doch wg. fehlender Sprechprobe noch keinen Einlass gefunden habe?

Brauchen wir einen Busenvergleich?

Wie dem auch sei, ich stehe der ganzen Sache skeptisch gegenüber. Es ist ja nicht so, dass ich nicht gern ein anderes Wort hätte für den blogosphärensprechmäßig so genannten “Schwanzvergleich”, mit dem die meisten das stolze Auflisten von Besucherzahlen, unique visitors, Seitenabrufen, page impressions und so weiter assoziieren. Es ist auch nicht so, dass ich es nicht notwendig fände, die Frauen unter den Bloggerinnen sichtbar zu machen. Aber was solls, wenn frau sich versteckt, ist sie selbst schuld. Ich glaube wirklich nicht, dass Frauenblogs wegen Missachtung durch die Allgemeinheit weniger sichtbar sind als die der Männer. Oft habe ich sogar den Eindruck, Frausein ist in dieser Männerdomäne von Vorteil, frei nach “Brüste sind toll“.

Allerdings finde ich etliche nominierte Blogs, vergebt mir, Schwestern, wahlweise geschwätzig oder langweilig. Ich freue mich, wenn ich beim Surfen auf eine weibliche Kraft hinterm Blog stosse, finde den Blog deshalb aber auch nicht gleich gut. Na gut: manche für die Blogine nominierte Blogs finde ich klasse, und einige Perlen sind dabei, die ich gleich in den Feedreader geschickt habe.

Gewinnt pink?

Trotzdem beschleicht mich der Verdacht, dass der quietschigste, pinkfarbigste, “süßeste” Blog den Preis gewinnen wird. Und nicht der am besten Geschriebene, der Originellste, der fachlich Überzeugendste, Widerständigste … Das Logo mit seinem angestaubten, schick sein wollenden Frauenbild gibt die Richtung vor. Und leider stimmt die Öffentlichkeit ab. Warum nicht eine Jury aus blogosphärisch verdienten Frauen? Ist es vielleicht eine Jugendlichen-Veranstaltung? Nehme ich teil, um hip zu sein? Was für Frauen treiben sich eigentlich bei Bondea herum? Was hat Bondea, was gemischtrassige Netzwerke nicht haben? Was heißt überhaupt Bondea? Kann mich eine aufklären?

Ich mag Bondea (wahrscheinlich) nicht. Einen ipod hätte ich natürlich schon gerne. Bloß nicht in pink. Ich sehe schon, es wird Zeit, dass ich mein eigenes Preisausschreiben veranstalte (so nannte man das früher). Und mir dann den Hauptpreis zuerkenne. Selbst ist die Frau!

Stimmt – für mich – AB!

4.
FEB

Nicht vergessen: Betty Friedan

Abgelegt unter Worte des Tages | Trackback

Nun ist sie gestorben, und wir hatten sie schon fast vergessen: Betty Friedan. Sie wurde 85 Jahre alt, und so sah sie im Alter von 43 Jahren aus:

Foto von Betty Friedan (1964) aus der Wikipedia

Psychologin, Sozialwissenschaftlerin, und Feministin war sie, und schrieb vor allem über den Weiblichkeitswahn, dessen Aktualität die österreichischen Ceiberweiber ziemlich konzis in Worte fassen. Sie befragte amerikanische Hausfrauen in den während der Nachkriegszeit sich ausbreitenden Vorstädten und machte erstmals öffentlich, wie unbefriedigt und gelangweilt das Dasein der “typischen amerikanischen Hausfrau” war. Sie nannte die Sehnsucht dieser Frauen “das Problem ohne Namen”. Allgemein wurde angenommen, dass diese Frauen glücklich waren, da sie “alles” hatten: Ehemann, Kinder, Haus, Waschmaschine und alle möglichen Haushaltsgeräte …
Friedans Recherchen beschränkten sich weitgehend auf die weiße Mittelschicht, aber ohne sie wäre die Frauenbewegung der 1960er Jahre wohl nicht so schnell in Gang gekommen. Keine Kleinigkeit war 1966 ihre Mitbegründung der größten US-amerikanische Frauenorganisation “National Organization for Women” (NOW), die heute gut eine halbe Million Mitglieder hat. Einen Nachruf der NOW auf ihre Mitgründerin mit einem etwas aktuelleren Bild findet ihr hier.