Sie interessieren sich für Fotografie und die Kunst des Sehens? Dann sind Sie hier richtig.
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31.
JAN

Meine erste Kamera lernt sehen

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Viel können musste sie nicht, meine erste Kamera: Ritsch - Objektivabdeckung fährt auf, Kamera ist eingeschaltet. Durch den Sucher (besser: Guckloch) geschaut, kurz orientiert, ob das Pferd die Ohren spitzt, Auslöser gedrückt – eine unnachahmlich scheußliche Geräuschmelange aus Schalten, Jaulen, Klacken, gefordert vom sirrenden Filmtransport, und schon kann das nächste Bild gemacht werden. Damit bin ich im Alter zwischen zehn und siebenunddreißig gut klargekommen. Ich war einfach nicht fotografiebegeistert. Erinnerungen festhalten, vor allem draußen, ging mit der Kamera tadellos. Heute weiß ich, warum: eine 35-mm-”Festbrennweite”, mit 1:2,8 recht lichtstark, damit kann man schon viel anfangen.

Kamera reist ohne mich um die Welt

Meine kleine Ricoh FF-700 (hier ein Bild eines Artgenossen) ist viel herumgekommen. Während meiner WG-Zeit habe ich sie ständig an Freundinnen verliehen, die damit Indien, Sri Lanka und China bereist haben. Aus China kam sie sogar mit einer original rot-goldenen Handbemalung, Motiv “Chinesischer Drache”, von einem Straßenmaler zurück. Das war auch der Grund, warum ich sie später nie entsorgt habe: sie ist mir einfach ans Herz gewachsen.

Vor ein paar Wochen habe ich sie entmottet, mit einer neuen Batterie gefüttert und mit einem Ilford FP4 Plus versorgt. Ich wollte mal schauen, was die Kamera kann, wenn ich sie an die Hand nehme. Der Fotografiergenuss war mäßig, weil ich mit dem Auslösegeräusch immer alles, was in ein paar hundert Meter Umkreis Ohren hatte, sofort verschreckt habe. Trotz ihrer Kompaktheit hat sie nicht das schöne Taschenformat heutiger “Digitalknipsen”, in der Hosentasche trägt sie ziemlich dick auf.

Aber so ab und an kam sie doch zum Einsatz, und das hat sie mitgebracht:

Bank am Weg
Bank am Wegrand

Colorado-Turm Vaihingen
Fenster zum Hochhaus

Fenster zum Himmel
Fenster zum Himmel

Wiederbegegnung mit der ersten Kamera: Was ist möglich mit der Technik von damals und dem fotografischen Wissen von heute?

Lehrreich bei solchen Experimenten ist, die Reduktion der Mittel zu erfahren, zu entdecken als eine Erweiterung der kreativen Möglichkeiten. Die Beschränkung aufs Nötigste nötigt dazu, sich auf wenige Dinge zu konzentrieren:

  • die Motive suchen, zu denen Brennweite und Einfachheit der Kamera passen
  • erfahren, wie die eigenen Beine dasn Zoom ersetzen können
  • Perspektive einer festen Brennweite sehen lernen, sich daran gewöhnen, damit verwachsen

Kleines Blogprojekt: Meine erste Kamera

Was war eure erste Kamera? Habt ihr sie noch, und kommt sie noch manchmal zum Einsatz? Wie oft und für welche Motive benutzt ihr sie? Würde mich freuen, wenn ihr in einem Kommentar von euren Erfahrungen berichtet und auch einen Link zu aktuellen Fotos mit eurer “Mutter aller Kameras” beisteuert.

2.
JUL

Irrfelsen Stuttgart: Phantasie und schöne Prinzen

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“Die Erinnerung ist auf der Reise wie ein schöner Prinz”: eines der Stücke des Stadtprojekts “Irrfelsen Stuttgart” zum Thema Architektur und Alltag, das vom 16. bis 23. Juni im Rahmen der “Ulysses-Reihe” am Staatstheater Stuttgart stattfand.

Führung durch die Erinnerung

Wir sammeln uns vor dem Schauspielhaus und folgen der freundlichen Dame mit dem Schild, das im Frühlingsgrün des Irrfelsen-Projekts gehalten ist.

Vom Theater aus geht es durch den Tunnel, an der Staatsgalerie vorbei in das alte Gebäude, wo es sich keiner der rund zwanzig angemeldeten Zuschauer nehmen lässt, die vier Treppen bis zum obersten Stockwerk hochzulaufen.

Privilegierter Blick auf die Stadt

Oben werden wir mit frühlingsgrünen Fliesdecken, Sonnenbrillen und Kopfhörern versorgt und verteilen uns auf zwei Stuhlreihen auf dem Balkon, dessen Existenz wir bis jetzt noch nicht bemerkt hatten. Was für eine Aussicht – und was kommt jetzt?

Stuttgart, von oben gesehen und gehört

Es wird still. Der Blick schweift über die Stadt: Das also ist Stuttgart von oben, die Sonne wirft uns ihre letzten Strahlen geradewegs ins Gesicht, unter dunklen Regenwolken hervor, die uns nicht mehr bedrohen. Und selbst wenn: An jeder Stuhllehne hängt ein frühlingsgrünes Schirmchen.

Eine Stadt aus Klang, von oben gesehen und gehört

Ein Gespräch hebt an, still, intim, ganz für uns, nur für uns gesprochen: “Es ist so still.” – “Ja.” – “Wann geht es denn los?” – “Hm. Ich höre nichts. Hören Sie etwas?” – “Nein. … Warten Sie! Ganz leise, da ist doch etwas. Hören Sie es?” – “Ja. Ja! Es muss ein Hubschrauber sein, er kommt näher … da ist er, da oben rechts!” (Ein Hubschrauber knattert über uns hinweg, alle Köpfe drehen sich nach rechts: Die Illusion ist perfekt. Kein Hubschrauber zu sehen …)

Die Stimmen sprechen weiter, es wird keinen Augenblick langweilig, unsere Blicke werden gelenkt zu einem Gebäude hinter der Staatsgalerie (”Sehen Sie die Oberkante des hellen Gebäudes? Folgen Sie ihr mit dem Blick nach links, eine Handbreit darüber sehen Sie ein mehrgeschossiges Bürohaus, suchen Sie das Fenster in der ersten Reihe, drittes von links. Sehen Sie es?”). Fast meinen wir an diesem Fenster eine Bewegung wahrzunehmen. Ein Geograph spricht über seine Arbeit, erzählt von seiner Ankunft in der Stadt, wie seine Mutter zu ihm sagte Anfang der fünfziger Jahre: “Du bist doch Schwabe. Geh zum Bürgermeister, Junge, er soll dich um dich kümmern. Er wird dir eine Zukunft geben.” Die Mutter behielt Recht.

Menschen aus Stuttgart, die wir (nicht) kennen

Durchbrochen von Musik, von Zitaten, Motiven, Ideen verschiedener Autoren, hören wir noch mehr Geschichten aus dieser Stadt, die Stuttgart ist und in deren Fenstern sich das Abendlicht gleißend spiegelt.

Stuttgarter Grün, Stuttgarter Fenster

In einem anderen Haus, hinter einem anderen Fenster erzählt eine junge Frau, tastend, wie sie die Geräusche unten auf der Straße, vor dem Hochhaus, in dem sie wohnt, durch das Fenster belauscht, sie interpretiert. Die Blinde weiß genau, wann der Radfahrer wie jeden Morgen bremst, bevor er um die Ecke fährt, kennt die Menschen, die ihre Hunde ausführen …

Hörspiel mit visuellem Genuss

Wir kriechen in diese Menschen hinein, ihre Stimmen kriechen in unser Ohr, wir möchten immer mehr wissen, möchten träumen von Stuttgart und seinen Menschen, möchten, dass es niemals endet. Die hervorragenden Tonaufnahmen, die sehr guten, angenehmen Stimmen, die Dramaturgie, all das spielt zusammen und schafft eine perfekte Illusion für dieses urbane Panorama. Vergangenes und Gegenwärtiges, Inszeniertes und Zufälliges verschwimmen. Nach einer halben Stunde stehen wir auf und steigen benommen und ein wenig wehmütig die vielen Treppen wieder hinunter.

aus den Abendklängen hinunter in die Wirklichkeit

Dass wir auf dem Rückweg auf den Stufen vor dem Opernhaus einer jungen Frau im Saloondress mit einer Pistole in der Hand begegnen, wundert uns schon nicht mehr. In ihrer Foto-Shooting-Pause lächelt sie uns zu.

Wahn oder Wirklichkeit? Weiter gehts hinunter in die Probebühne des Schauspielhauses, zur zweiten Station, in den “Bauch der Illusionsmaschinerie”, wie es im Programm heißt. In einem Bühnenbild aus einem Zelt, einer Kassette mit Naturgeräuschen, einem Teich, einem Regenspender und einer Nebelmaschine entspinnt sich ein Dialog, eine Meditation zwischen den ewigen Nomaden aus der Stadt.

In der Blackbox: Wasser, Nebel, Träume

Wir haben diesen Teil nicht wirklich verstanden. Das intensive Spiel der beiden Schauspieler (sehr gut: Bernhard Conrad, sehr sehr gut: Katharina Zoffmann) hielt uns aber die ganze Zeit über bei der Stange, um nicht zu sagen: bei der Philosophie. Wir fühlten uns beschenkt in diesem kleinen Publikumspreis, von diesem klug-verträumten, sinnlichen, das Denken erweiternden Stück. Die guten Texte, die unkonventionellen Mittel, das Zusammenspiel zwischen Schau-spiel, Hör-Stück, Theater und Improvisation war … überzeugend.

Vielversprechendes Autorenduo

Die Autoren Bernhardt Herbordt und Melanie Mohren, Jahrgang 1978 und 1979, haben ihr Handwerk in Gießen gelernt und bereits mehrere gemeinsame, interdisziplinäre Raum- und Audio-Installationen, Hörspiel- und Bühnenarbeiten vorgelegt. Sie wurden mit dem NRW-Hörspielpreis ausgezeichnet und waren mehrfach Stipendiaten der NRW-Hörspielförderung. 2008/2009 sind Herbordt/Mohren Stipendiaten der Akademie Schloss Solitude in Stuttgart. Wir sollten sie im Auge behalten.

Zelt, Nebel und ein Prinz auf Reisen

Bernhard Conrad und Katharina Zoffmann: überzeugend

13.
MRZ

Erinnerung. Eine Geburtstagsfeier in Daxlanden

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Sie sitzt mir gegenüber, eins von vielen unbekannten Gesichtern auf dieser Feier. Eine Bekannte der “Jubilarin”. Wir kommen ins Gespräch, der Aufhänger ist unsere Herkunft: “Aber Sie stammen auch nicht hier aus der Gegend, oder?” Sie erzählt von ihrer Kindheit und Jugend in Brandenburg, auf dem Hof ihrer Familie im Oderbruch. Da Jürgen und ich vor zwei Jahren dort im Urlaub waren, habe ich sofort eine Vorstellung von der Gegend. Ausgedehnte, einsame Wälder, hügelige, liebliche Landschaft, die sich zur weiten Ebene des Oderbruchs hin absenkt.

Die Spatzen in der Scheune als Notration

Sie erzählt, wie die Front direkt durch ihren Hof hindurchging: “Der Schützengraben lief quer durch den Keller. Es war alles zerstört.” Vorher die große Flut, die die Felder verwüstet hatte, dann zehn Wochen Krieg. “Was haben wir gehungert. Weil wir auf dem Land wohnten, galten wir als Selbstversorger und bekamen keine Lebensmittelmarken. Aber wir hatten ja nichts. Was nützt einem das Land, wenn es zerstört ist? Dort wuchs nichts mehr, und wir hatten kein Saatgut.” Irgendwie mussten sie sich behelfen:

“Einmal hat mein Bruder ein paar übrig gebliebene Maiskörner in den Eingang der Scheune geworfen, da kam ein großer Schwarm Spatzen, die haben sie erschlagen. An dem Tag habe ich dreiundzwanzig Spatzen gerupft. Wir haben eine Suppe daraus gekocht. Mein Vater guckt in den Topf und sagt: ‘Da schwimmt ja sogar ein Fettauge drin!’ Fettaugen, wir wussten gar nicht mehr, wie die aussehen. Fett hatten wir ja schon lange nicht mehr gehabt.”

Sie verließen den Hof und suchten bei Verwandten Schutz. Als junges Mädchen wurde meine Gesprächspartnerin “eingezogen”: “Das ging ganz schnell, einfach kurz mal ‘n Rotkreuz-Kurs gemacht, und dann ins Krankenhaus. Nach und nach ging das Verbandszeug aus. Es fehlte ja an allem! Am schlimmsten waren die Bauchschüsse. – Und dann die Vergewaltigungen! Die Frauen haben sich alle versteckt. Und wir Mädchen: Wenn die Russen kamen, sind wir zwischen Kleiderschrank und Wand gekrochen und trauten uns nicht zu atmen.”

Sie meint, man müsste das alles aufschreiben. “Ich könnte ein ganzes Buch darüber schreiben!” Dokumentationen über die Zeit könne sie sich nicht ansehen. “Auch Filme, ‘Dresden’ oder so, das kann ich nicht gucken. Mir kommt dann alles hoch, ich fange an zu zittern und zu heulen. Da schalte ich lieber gleich ab.”

Zeitzeugen im Prime-Time-TV nicht zugelassen

Ich merke, wie sie jetzt noch von den Ereignissen eingeholt wird. Ich erinnere mich an die Zeitzeugen, die am 1. März, natürlich spätabends, bei Johannes B. Kerner zu Gast waren. Wir gerieten zufällig an die Sendung und hörten mit offenem Mund zu, wie Rosemarie von Berlepsch, Ursula Elsner und Heinz Schubert erzählten und teilweise noch nach sechzig Jahren von ihren Gefühlen überwältigt wurden.

Ich bin fasziniert davon, dass es in Deutschland immer noch nicht möglich ist, über die Erfahrungen des Krieges zu diskutieren, ohne in den Ruf zu geraten, zu den ewig gestrigen Relativisten und Revanchisten zu gehören. Das zeigen auch die Reaktionen auf den Film “Dresden”. Dass er eine kitschige Liebesgeschichte zeigt, wird empört ausgemalt; seine Bedeutung als Teil der – gerade einmal zaghaft beginnenden – Erinnerungskultur ignoriert. Niemand scheint sich dafür zu interessieren. Hohn und Spott werden über die Regie ausgegossen, aber das Thema wird ignoriert. Ist es immer noch ein Tabu?

Unglaubliches geleistet hat übrigens für die Erinnerung, das historische Bewusstsein und die Literatur, der Schriftsteller Walter Kempowski. Wann bekommt er eigentlich den Literatur-Nobelpreis? Muss er erst sterben?

12.
MRZ

Schlüsselkinder – selbständig oder vernachlässigt?

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Dass es auch ein englisches Wort für das Schlüsselkind gibt war mir neu, obwohl klar ist, dass das Phänomen dahinter wohl international ist, zumindest in “westlichen” Gesellschaften. Auch ich gehörte einmal zu den “latchkey kids”.

Klein-Claudi als nicht-Schlüsselkind

Erfahrungen als Schlüsselkind

Als ich im Alter von 14 Monaten so fröhlich und energisch auf dieser Landstraße in der Holtenser Feldmark herumlief, war ich natürlich noch zu klein. (Dieses Bild erscheint mir übrigens heute als Zeugnis von Stärke und kindlichem Urvertrauen, das so wohl nicht wiederkommen wird.)

Erst als ich zur Schule ging, meine Mutter halbtags arbeitete und mein Vater ganztags, musste ich einen Schlüssel mit mir herumtragen und mir selbst die Haustür aufschließen. Meine Mutter, die manchmal nach der Arbeit noch einkaufen ging, ließ dann allerdings nicht mehr lange auf sich warten. Ich weiß auch noch, was für ein Gefühl des Erwachsenseins es für mich war, zum ersten Mal ganz allein die Tür aufzuschließen. Weiterlesen …