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22.
OKT
“Aus, Schluß.” Zum Tod von Walter Kempowski
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Am besten Schlafmittel nehmen und bei Kälte in den Wald gehen, sich nackt ausziehen und auf den Tod warten. Leider wird’s hier nicht auf Kommando kalt.
(Tagebuch, 19. April 2001)
Solcher Art war die Lakonie des großen Walter Kempowski, der am 5. Oktober gegen 3 Uhr früh 78-jährig gestorben ist. Erst heute bin ich in der Lage, etwas darüber zu schreiben, denn sein Tod hat mich mehr getroffen, als ich für möglich gehalten hätte.

Einer der meistunterschätzten Schriftsteller Deutschlands. Keiner hat wie er unsere Geschichte, unseren Alltag, unsere Alltagsgeschichte mit einer derart – wie soll ich es nennen – “leidenschaftlichen Distanz” festgehalten. Fest hat er an dem gehalten, was jahrzehntelang verdrängt wurde: die Menschlichkeit des Alltags im unmenschlichen Faschismus (die ersten Bücher der “Deutschen Chronik”) ebenso wie die Unmenschlichkeit des Alltags im menschlichen Sozialismus (”Im Block. Ein Haftbericht”, 1969, und “Ein Kapitel für sich”, 1975).
Geflügelte Worte und historische Genauigkeit
Mit den Büchern und Filmen der Deutschen Chronik, vor allem “Tadellöser und Wolff”, “Uns geht’s ja noch Gold” und “Ein Kapitel für sich”, bin ich aufgewachsen. “Mießnitzdörfer und Jensen”, “Tadellöser und Wolff”, “Daß dich das Mäuslein beißt”, “Das soll meinen Arsch nicht kratzen”: All das waren geflügelte Worte, die meine Schwester und ich uns gegenseitig zuwarfen. Wir begleiteten Walter und Robert durch ihre Jugend im Faschismus, durch staatlich verfolgte Swing-Euphorie und durch die Haft in Bautzen. Die wortgetreuen Verfilmungen von Eberhard Fechner waren uns lebendigere Geschichtsstunden als alles, was uns zum Thema in der Schule geboten wurde.
Wiederentdeckung eines bedeutenden Autors
In den vergangenen zwei, drei Jahren kam ich noch einmal auf Kempowski zurück, etwa seine Romane “Aus großer Zeit”, “Herzlich Willkommen” und “Hundstage”. Erst jetzt wurde mir seine eigentliche Bedeutung für die deutsche Literatur bewusst. Ich entdeckte die Filme durch die DVD-Ausgaben wieder, sah Interviews mit Kempowski, recherchierte über ihn. Nicht die große Geste war seine Sache, sondern die genaue Beobachtung des Alltags, hyperrealistische Collagen aus Zitaten, Werbesprüchen, kurzen Berichten und Dialogen. Er beherrschte die Kunst, mit knappen Aussagen die ganze Bandbreite und Hintergründigkeit eines Gefühls, einer politischen Einstellung, einer Lebenshaltung wiederzugeben.
Und das in einem Ton, der seinesgleichen sucht. Bis zuletzt behielt er es bei, dieses Hintergründig-Humorvoll-Salomonische:
“Angst vor dem Tod habe ich nicht. Ich fürchte mich nur vor dem Sterben.”
Kempowski war ein Volksdichter im besten Sinne des Wortes. Viele Intellektuelle meiner Generation kennen ihn bis heute nicht. Der Roman, der ihn bekannt machte, “Tadellöser und Wolff” (1971), hat sich 500.000 mal verkauft. Wer in den 1970er Jahren etwas auf sich hielt, war links, und das hieß leider auch, Opfer und Kritiker der DDR zu verunglimpfen oder gleich totzuschweigen. Kempowski litt zeit seines Lebens darunter, dass er von der Literaturkritik mal nicht wahrgenommen, mal verhöhnt wurde. Sein collagenhafter Stil wurde belächelt, man bezeichnete ihn als “Abschreiber”.
Späte Anerkennung für Gesammeltes: das Echolot
Ironischerweise gewann er späte Anerkennung durch ein Projekt, das im Gegensatz zu den vorhergehenden Büchern tatsächlich keine einzige Zeile von ihm selbst enthält: das “Echolot”. Das zwischen 1993 und 2005 erschienene, mehrbändige Werk ist eine strukturierte Zusammenstellung von Tagebüchern aus den Jahren 1941, 1943 und 1945. An dieses Werk habe ich mich noch nicht herangewagt. Auszüge, die ich gehört oder gelesen habe, verbreiten Schmerz, auch Staunen, auch Lachen, aber vor allem Schmerz. Man sollte es lesen. Es ist unglaublich, wie gegensätzlich und geradezu unvereinbar das war, was Menschen am gleichen Tag, zur gleichen Stunde, an verschiedenen Orten, in den Kriegsjahren niedergeschrieben haben.
Verbitterte, störrische Kämpfernatur
Die letzten Interviews mit Kempowski fand ich traurig, denn seine Bitterkeit über das langjährige Ausbleiben jeglicher Anerkennung etwa durch Literaturpreise oder Goetheinstitute konnte einem schon auf die Nerven gehen. Man war versucht zu sagen: “Jetzt wissen wir’s, Kempowski! Jetzt hör halt mal davon auf!” Aber er hörte nicht auf. Er war einer, der einfach nicht aufhörte. Vor allem mit dem Sammeln, mit dem Arbeiten. Nur mit dem Leben musste er am Ende doch aufhören.
Er bleibt ein Vorbild. Für Integrität, Genauigkeit und leidenschaftliches Schreiben.
Weblinks für weitere Infos (Leben, Werke, Nachrufe, Quellen) nennt die Wikipedia.
19.
SEP
Was altert schöner: Bücher oder Fachwerk?
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Was Bücher und Fachwerk gemeinsam haben, lehrte uns am Wochenende der 19. Alt-Hohenecker Büchermarkt im Ludwigsburger Stadtteil Hoheneck. Das jährliche Ereignis ist ein Treffpunkt aller Buchliebhaber und Bücher-Loswerden-Woller, Sammler und Antiquare. Zwischen hübschen alten Häusern, um die Kirche herum und in den Gassen bieten zahlreiche Menschen ihre Bücher an, und noch mehr Menschen kommen, um zu stöbern.
Geistiges Zentrum ist offensichtlich Bernd Brauns “Antiquariat Alt-Hoheneck“, das aber jedem Buchsucher stets offen steht: Bücher bringen, Bücher holen und das Geld in die Sammelkiste einwerfen: das geht 24 Stunden am Tag. Fast wie im Internet.

Eine Unterhaltung mit dem rührigen Antiquar Holger Degutsch ergab allerdings reichlich pessimistische Perspektiven: Für die Antiquare lohnt sich die Anreise zu solchen Märkten kaum noch, das Hauptgeschäft laufe übers Internet. Schon die Fahrtkosten rauszubekommen, scheint ein Problem zu sein. Die Büchersammler bedienen sich über den ZVAB, wo heutzutage, wie mir ein büchersammelnder Kollege bedauernd versicherte, jede vermeintliche Rarität fünfzigfach angeboten werde:
Man braucht sich nur das Angebot heraussuchen, das einem preislich am meisten zusagt, und schon bekommt man es zugeschickt. Die Freude an der Jagd ist dahin. Da macht es keinen Spaß mehr.
Das ist schade. Trotzdem hat es uns Spaß gemacht, bei Privatleuten, Kindern und Profis nach neuen und alten Fundstücken zu stöbern. Das Tolle an solchen Märkten ist schließlich, dass man Bücher findet, von denen man nicht wusste, dass man sie sucht. Übers Internet kann man nur gezielt suchen, hier kann man ungezielt finden. Das macht schließlich am meisten Spaß, oder?

Finden kann man hier zum Beispiel wunderschöne ornithologische Tafeln aus dem Parey Verlag, vielleicht 1m mal 80 cm groß, wahlweise “Buchfink” (verschiedene, allerliebst gemalte Ansichten) oder “Bussard” (wozu dann auch der Rot- und Schwarzmilan gehören). Leider konnte ich mich nicht dazu durchringen, die 45 € auszugeben …
Außerdem gibt es ja immer auch die verschrobenen Sammler zu sehen … Wenn auch nicht mehr so viele kommen: einige sind noch übrig. Ineinander verwachsene Bücherwurmpaare, schütterhaarige, lesesesselbäuchige, sozialphobische Buchkistenumwälzer, ganz normale Menschen, die Pilzbestimmungsbücher suchen, und weitere Kuriositäten.
Und morgen verrate ich euch, welche Schätze ich erstanden habe ;-).
8.
SEP
Schein und Sein bei Gantenbein
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Die taz hat mal wieder Interessantes zu bieten. Der Schriftsteller Klaus Modick beklagt im Interview, dass “normale”, also für den Verlag schwarze Zahlen schreibende Autoren von den Verlagen nicht gepusht werden, wohl aber “Bücher und Autoren, bei denen man sich schon manchmal an den Kopf greift.” Damit meinte er zwar den Roman von Wolfgang Joop (”Im Wolfspelz”), aber tazler Frank Schäfer erwähnt in diesem Zusammenhang vermeintliche oder tatsächliche Fälschungsfälle bei Eichborn, wie etwa Asfa-Wossen Asserate mit seinem Manieren-Buch. Ich: “Wie? Asserate eine Erfindung? Sein Manierenbuch gefälscht? Donnerwetter! Das wurde doch jahrelang in den Feuilletons gefeiert, von der FAZ bis zur Brigitte! Und der Autor existiert wirklich!”
Nun, offenbar gab es Gerüchte, das Buch habe nicht der Prinz selbst verfasst, sondern entweder sein gewitzter Freund Martin Mosebach oder Hans-Magnus Enzensberger, in dessen Anderer Bibliothek das Buch zuerst erschienen ist. Diese Diskussion ist komplett an mir vorbeigegangen, wie ich zugeben muss. Macht auch nichts. Ich habe das Buch nicht gelesen, aber immer aufgehorcht, wenn daraus zitiert wurde, und die Zitate gefielen mir, auch wenn “Benimm” nicht gerade mein Spezialgebiet ist. Gern glaubte ich an den äthiopischen Prinzen, der den Deutschen charmant, galant und ganz ungenant Manieren beibringt. Sein Buch erschien mir wie eine konsequente Fortsetzung des Blicks der Kolonisierten auf die Kolonialisten obwohl Äthiopien nie deutsche Kolonie war, aber diese Feinheiten lassen wir mal beiseite, eine Sichtweise, die ja schon zuvor in dem einen oder anderen Film vorgekommen war. Nun soll Enzensberger oder Mosebach das Buch geschrieben haben? Vielleicht liegt den Gerüchten auch nur wieder das deutsche Überlegenheitsgefühl zugrunde, ein Afrikaner könne doch gar nicht so schön deutsch schreiben … Auf jeden Fall wäre die Fiktion futsch.
Gantenbein: “Ich stelle mir vor …”
Das ganze Spiel um Schein und Sein passt zu dem Buch, das mich gerade in der S-Bahn begleitet: “Mein Name sei Gantenbein” von Max Frisch. Darin spielt ein Erzähler, der von seiner Frau verlassen worden ist, verschiedene Geschichten durch, wie es dazu hat kommen können. Die Geschichten beginnen alle mit “Ich stelle mir vor: …”. Man versenkt sich hinein und fühlt sich wie in einem “ganz normalen” Roman, bis man jäh aus der Fiktion gerissen wird. Da heißt es zum Beispiel plötzlich über Enderlin, der im Begriff ist, in die USA zu fliegen:
“Noch hat er die Wahl.
Ich bin für Fliegen
[...]
Ich kann mir beides vorstellen:
Enderlin fliegt.
Enderlin bleibt.
Langsam habe ich es satt, dieses Spiel, das ich nun kenne: handeln oder unterlassen, und in jedem Fall, ich weiß, ist es nur ein Teil meines Lebens, und den andern Teil muß ich mir vorstellen; Handlung und Unterlassung sind vertauschbar.”
Das Buch, 1964 erschienen, verbindet eine äußerst moderne Konstruktionsweise mit einem – in all seinen Rollen – aus heutiger Sicht durchaus antiquiert wirkenden Erzähler (lesenwert übrigens diese Rezension von Dieter Wunderlich). Dem es trotzdem gelingt, den Leser mitzureißen in seine gefühlten Erlebnisse.
Wer ist hier der Blinde?
Für mich am prägnantesten: Gantenbein, der sich nach einem Unfall blind stellt und Gefallen daran findet. Wunderbar die Beschreibung der gesellschaftlichen Situationen, in denen es darum geht, wer was sieht und wer wofür und wem gegenüber blind ist. Hoch symbolisch und gleichzeitig höchst konkret. Und witzig. Bemerkenswert, wie wohltuend Gantenbein es findet, nicht zeigen zu müssen, dass er sieht, was andere vor ihm verbergen wollen und durch seine vermeintliche Blindheit umso besser verbergen können oder zu können meinen. Virtuos, wie Frisch, indem er das Verheimlichte beschreibt, die wohltuende Bedeutung des Scheins zelebriert, auf sanft ironische Weise, fast wie ein moderner Oscar Wilde. Und dabei schafft der Autor es noch, gesellschaftskritische Passagen einzuflechten, die ganz selbstverständlich daherkommen, etwa über die Rolle ehemaliger Nazis in der Bundesrepublik (bzw. der Schweiz). Frischs Beobachtungsgabe, der scharfe Blick des vermeintlich Blinden, seine geschmeidige Prosa sind wirklich ein Genuss.
Die Frau als blinder Fleck bei Frisch?
Was mir nicht gefällt, sind die Frauen im Roman. Das heißt, eigentlich gibt es nur eine, ob sie nun Lila heißt oder Camilla Huber oder “die Contessa”, im Grunde ist es ein und dieselbe Frau. (Wie natürlich auch Enderlin, Gantenbein, womöglich sogar Burri und Svoboda ein- und dieselbe Person sind. Das Changieren zwischen verschiedenen Personen gehört zum Konstruktionsprinzip des Romans.) Doch im Kern ist die Frau im Buch dermaßen irrational, dass sie nicht glaubwürdig wirken kann. Sie ist der pure Schein (insofern ebenfalls Programm), bei allen Versuchen des Erzählers, in seiner jeweiligen Rolle hinter ihr Geheimnis zu kommen, schiebt er sie doch nur weiter ins Reich des Sprunghaften, des Oberflächlichen, des Naiven oder des nicht Verstehbaren.
Als Beispiel sei die Passage genannt, wo Gantenbein das Problem löst, dass Lila kein schmutziges Geschirr erträgt, es jedoch weder selbst wegräumt, noch damit leben kann, wenn Gantenbein es tut:
Lila ist rührend. Sie kann es einfach nicht glauben, daß keine saubere Tasse mehr in der Welt ist, nicht eine einzige. Gehn wir aus! sagt sie, um den Heinzelmännchen eine Gelegenheit zu geben … Also geht man aus … Lila kann Schmutz nicht sehen, der Anblick von Schmutz vernichtet sie.
Lila wäscht dann mal einen einzelnen Löffel oder zwei Gläser und lässt den Rest stehen, während Gantenbein, “besserwisserisch wie die meisten Männer, findet, in der Serie gehe es flinker.” Lila wird aber traurig “wie über einen heimlichen Vorwurf”, wenn Gantenbein die ganze Küche putzt und hinterher alles blitzblank ist. Die Lösung:
Gantenbein wäscht jetzt keinen Teller und keinen Löffel mehr, wenn Lila zuhaus ist, sondern nur noch insgeheim, dann immer nur soviel, daß es nicht auffällt. Die Küche sieht aus, als kümmere sich niemand drum, und doch, siehe da, findet man stets noch ein paar Gläser, ein paar saubere Messer, immer gerade genug, und die Aschenbecher sind nie so blank, daß sie wie ein Vorwurf blitzen, nur die Asche wächst nicht zu Bergen an, die ekligen Dattelkerne darin sind verdunstet, ebenso die klebrigen Ringe von Weingläsern auf dem marmornen Tischlein; die Drucksachen, die Magazine von der letzten Woche sind verschwunden, als hätten sie ihre vergilbte Überholtheit endlich selber eingesehen – Gantenbein aber sitzt im Schaukelstuhl, eine Zigarre rauchend, wenn Lila nachhaus kommt, und Lila ist erleichtert, daß er sich nicht mehr glaubt um die Küche kümmern zu müssen.
“Siehst du”, sagt sie, “es geht auch so.”
Alltag ist nur durch Wunder erträglich.
Eine meisterhafte Schilderung, zweifelsohne, und doch bleibt darin Lila so blutleer, wirkt naiv (liebenswert naiv, aber das ändert nichts) und oberflächlich, da sie Gantenbeins Scharade nicht durchschaut, die nicht weniger Scharade ist dadurch, dass er sie als taktvoll darstellt. In Wirklichkeit ist auch Lila als Frau nur oberflächlich beschrieben. Man findet sie charmant von derselben erhöhten Warte aus, von der aus sie vom Autor geschildert wird. Oder Gantenbein bzw. sein Autor geben sich mit dem Anschein zufrieden. AUf diese Weise jedenfalls lässt er die Frauen nie näher als auf Armeslänge an sich heran, braucht sie nicht aus seiner Mystifizierung zu entlassen und kann es sich in seiner Blindheit bequem machen. Ist es also dem Autor vorzuwerfen, dass seine Erzählerrollen dem Schein huldigen, das doch Konstruktionsprinzip des Romans ist?
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