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22.
FEB

Schubladendenken – Beschränkung oder Freiheit in der Fotografie?

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Gerade im Deutschlandfunk gehört: Das Berliner Museum für Naturkunde besitzt 30 Millionen Sammlungsstücke. 30 Millionen! Aber es wird ja nicht nur gesammelt, sondern das Gesammelte wird geordnet, kategorisiert, klassifiziert, in Schubladen gepackt, einer Taxonomie unterworfen.

Woher kommt der Drang, die Dinge in Schubladen zu packen, zu ordnen, zu benennen, Kategorien zu bilden und nach welchen Regeln bilden wir sie? Psychologin Claudia Friedrich von der Universität Hamburg:

“Die Kognitionswissenschaft hat sich irgendwie nicht auf eine Regel festlegen können, wie wir jetzt Gegebenheiten in der realen Welt denn wirklich in solche Kategorien umsetzen, wir wissen nur, wir tun es. Und wir tun es sehr schnell, und solche Kategorien bestimmen unsere Wahrnehmung und unser Denken und unser Gedächtnis, also sozusagen alles, was uns so kognitiv ausmacht und wahrscheinlich deshalb, damit wir diese Welt vorhersagen können, und das war mal evolutionär von großem Vorteil.”

Und weiter:

Schlechtes von Gutem trennen, brauchbare von unbrauchbarer Nahrung unterscheiden, Gefährliches und Ungefährliches durchschauen - Kategorien im Gehirn bilden zu können, um zu überleben ist das eine. Die Anwendung dieser Fähigkeit beim Menschen aber geht weiter:

“Es bestimmt natürlich unsere Kulturpraxis, weil wir mit diesem Apparat unsere Kultur bilden, weil wir mit diesen kognitiven Apparaten alle zusammen wirken und das wahrscheinlich eine der Eigenschaften ist, die wir mitbringen in diese kulturelle Welt: Kategorien zu bilden.”

Schubladendenken oder lebensrettende Ordnung der Welt?

Dass uns das Schubladendenken hilft, unsere Welt zu verstehen, dass wir die Welt kategorisieren, um nicht von der schieren, unüberschaubaren Masse der Dinge erschlagen zu werden, ist ein Gemeinplatz. Die Heckenbraunelle teilt die Insekten in essbare und nahrhafte einerseits und in ungenießbare oder nährwertarme andererseits ein, eine Fähigkeit, die sie zum Überleben braucht. Der Mensch teilt seine Mitmenschen in sympathische und unsympathische ein, sucht Erstere und meidet Letztere. Er ordnet seine Bücher im Regal alphabetisch nach Autor oder systematisch nach Fachgebiet, sortiert “Vorgänge” in Hängemappen und Dateien in Ordner ein, um nicht den Überblick zu verlieren.

Kategorisierung in der Fotografie

Und die Fotografin: Von kameratechnischen oder objektivkundlichen Kategorien einmal abgesehen, auch die wenig hilfreichen Bindestrich-Fotografien (Makro-, Landschafts-, Porträt-, Sach-, Sport- …) einmal beseite gelassen, ist auch das Sehen vieler Fotografen von Kategorien bestimmt. Die Könige der Kategorisierer sind wohl Bernd und Hilla Becher (mehr Infos zu dem Fotografenpaar hier): Ihre fotografischen Typologien – europäische und nordamerikanische Hochöfen, Kalköfen, Fördertürme, Gasbehälter, Wassertürme oder Kohlebunker – sind legendär. Ich zitiere aus der Beschreibung einer Ausstellung in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen 2004:

Als “Typologie” bezeichnet das Künstlerpaar solche Werke, in denen Fotografien gleichen Formats zu Blöcken von 9, 12, wie hier 15 oder auch 16 Einzelbildern zusammengefasst sind. Die Objekte werden nach funktionalen, regionalen, strukturellen, historischen und ästhetischen Gesichtspunkten geordnet und zu strengen Tableaus komponiert. Der innere Zusammenhalt solcher Bildfolgen, vor allem aber die Vergleichbarkeit und Lesbarkeit der Objekte wird dabei garantiert durch die Schwarzweißfotografie, ein immer gleich bleibendes Aufnahmeverfahren, und durch die Konzentration auf wenige Konstruktionstypen.

Auch wem eine derartige Akribie fremd ist, der wird sich wiederfinden in dem Drang zur Kategorisierung. Unsere Internet-Galerie sortieren wir in Landschafts-, Porträt- und Reisefotografie, unsere Fotos in Alben oder digitale Ordner …

Ohne Beschränkung, Thema, Projekt … geht nix

Und wenn wir fotografieren gehen, ohne konkretes Ziel? Auf dem Kunstfotografie-Markt kann man heutzutage kaum noch etwas werden ohne ein “Thema”, ein “Projekt”, man beschränkt sich auf eine Kategorie, eine “Schublade”, wenn ihr so wollt, man fotografiert Serien oder eben Typologien – nur den obersten zehn, zwanzig oder hundert Fotografen wird es gelingen, mit 5, 20 oder 45 bezugslos durcheinandergewürfelten Arbeiten eine Ausstellung zu bestreiten. Auch die meisten Fotowettbewerbe setzen ein Thema.

Ausstellung zum Architekturfotografiepreis: Beschränkung als Fokussierung

Gestern gab es in der VHS Stuttgart die Vernissage der Ausstellung zum Europäischen Architekturfotografie-Preis 2007 (mehr Fotos bei architekturbild e.V.). Thema war: “Lieblingsplätze”. Schon die Preisbezeichnung stellt eine Einschränkung der Motivwahl dar (es geht um Architekturfotografie), eine weitere ist das Thema. Die extrem unterschiedlichen Interpretationen der Begriffe “Architektur” und “Lieblingsplatz” im Wettbewerb machen deutlich, dass eine Kategorie, die immer eine Sache eingrenzt und anderes ausgrenzt, offenbar immense kreative Energien freisetzt. Eine Beschränkung ist in diesem Fall, und in vielen anderen Fällen, kein Nachteil, sondern ein Vorteil: Beschränkung bedeutet Fokussierung.

Und: Die Teilnehmer des Wettbewerbs legten sich weitere Beschränkungen auf: Mit Architektur soll es zu tun haben, Lieblingsplätze sollen es sein? Gut, ich fotografiere nur eine einzige Kategorie von Lieblingsplätzen: Knastzellen, Ferienhäuser, Dauercamper bei Nacht … Das Ergebnis ist eine unglaubliche Vielfalt an Sichtweisen, Sehweisen, Fokussierungen.

Beschränkung als Mittel der fotografischen Weiterbildung

Weitere Beschränkungen lassen sich denken und werden immer wieder empfohlen, um uns fotografisch voranzubringen:

  • Beschränkung auf die manuellen Einstellungen an der Kamera
  • Beschränkung auf ein einziges Objektiv
  • Beschränkung auf eine einzige Festbrennweite
  • Beschränkung auf einen Ort, eine Tageszeit …

Wie steht ihr zur Kategorisierung in der Fotografie? Wenn ihr fotografieren geht, passiert es euch, dass ihr z.B. die Schönheit und Eleganz von Straßenpollern entdeckt und in der fremden Stadt plötzlich nur noch Straßenpoller “seht”, am Ende mit einer Typologie von Straßenpollern nach Hause kommt? Nichts anderes mehr fotografiert, euch plötzlich auf ein Thema, eine “Kategorie” beschränkt?

Mir ist sowas mal mit stinknormalen Leitungen, Telefonanschlüssen außen an Häusern etc. passiert. Etwa so:

eines von vielen Leitungsfotos, keine Typologie
(Mehr davon gibts hier)

Aber eine Typologie ist es nicht geworden. Dafür fehlt mir einfach die pedantische Ader. Dafür hat es mich gelehrt, dass weniger Breite mehr Tiefe bedeutet. Es war eine aufregende Entdeckungsreise. Und bis heute bin ich nicht dahintergekommen, woher genau denn jetzt meine Faszination für diese banalen Objekte rührt.

Ist das dem Menschen offenbar angeborene Denken in Kategorien eine Quelle der Kunst? Ist Sortieren, Kategorisieren, Ordnen der Welt eine Vorausssetzung für Kreativität? Banale Fragen vielleicht, doch sie treiben mich um.

Wie stehts bei euch? Empfindet ihr eine Beschränkung auf einem Gebiet als Chance zur Freiheit und Kreativität auf einem anderen? Welche Beschränkungen erlegt ihr euch beim Fotografieren freiwillig auf? Aus welchen Gründen?

26.
JUN

Bernd Becher ist tot

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Der Fotograf Bernd Becher verstarb am Freitag im Alter von 75 Jahren während einer Operation in Rostock.

Man ist versucht zu sagen: “Eine Hälfte von Bernd und Hilla Becher ist nicht mehr da.” Das Fotografenpaar wurde berühmt für seine Industriefotografie, die sie seit den 1960er Jahren betrieben. Sie erstellten ganze Typologien von Industriebauten, vor allem im Ruhrgebiet, aber auch im Ausland: Zechen, Silos, Wassertürme und Gasbehälter, alle fotografiert mit Plattenkameras bei neutralem, diffusem Licht, das Objekt in der Bildmitte.

Dokumentation oder Fotokunst?

Da die von den Bechers fotografierten Bauten selbst durch den industriellen Wandel häufig schnell wieder “von der Bildfläche verschwanden”, wird ihrer Fotografie oft dokumentarischer Charakter zugeschrieben. Früher als in Deutschland, wo Anfang der siebziger Jahre die Fotografie noch nicht wirklich als Kunstform anerkannt war, wurden die Arbeiten der Bechers bereits 1973 in New York ausgestellt (Quelle: Wikipedia).

Wie Christiane Vielhaber heute im Deutschlandfunk erzählte, sagte Bernd Becher denn auch, die Bauten interessierten ihn “als moderne Skulpturen”. Die beiden wollten “beweisen, dass diese Architektur der Wirtschaftswelt ein weltweites Phänomen ist” (WDR-Interview, 2003).

Kritische Stimmen

Offenbar wurde die Fotografie der Bechers erst in jüngster Zeit kritisiert, nämlich in einem Beitrag von Jörn Glasenapp für die Zeitschrift “Fotogeschichte“:

“Die Bechers sind, so argumentiert er, nicht ‘Historiker des Industriezeitalters’ (Klaus Honnef), sondern sie arbeiten im Gegenteil ‘durch und durch ahistorisch’. ‘Die Bechers treten beim ersten Schritt, der Bilderstellung, scheinbar ganz hinter den Gegenstand zurück, um beim zweiten Schritt, der Präsentation des Gegenstandes, das Heft zur Gänze in die Hand nehmen zu können.’”
(aus der Heft-Beschreibung der Zeitschrift, Heft 100 / Sommer 2006)

Ich glaube gar nicht, dass die Bechers sich unbedingt als Historiker sehen, sondern dass es ihnen um Ästhetik (Kunst) und Politik (seht her, so baut das Kapital!) geht.

Faszination und Aufwand

Wie das Urteil der Kunstgeschichte auch ausfallen wird: Faszinierend sind die Fotografien der Bechers allemal. Respekt vor ihrer unglaublich umfangreichen und aufwendigen Arbeit. Gefragt, ob sie zum Beispiel nie das Bedürfnis haben, Kirchen zu fotografieren, erwiderte Bernd Becher unter anderem: “Für Kirchen muss man einen besonderen Aufwand treiben.” Wenn man weiß, welchen Aufwand die Bechers für die Industriefotografien oft getrieben haben – Recherchieren der Gebäude, Einholen von Genehmigungen, Suchen geeigneter Aufnahmestandpunkte, Erklettern von oder gar Abseilen an von Nachbargebäuden mitsamt schwerer Ausrüstung – nun ja. Es war wohl die Kindheit im von der Schwerindustrie geprägten Nordrhein-Westfalen, die bei Bernd Becher den Ausschlag gegeben hat.

Wie weiter?

Und was macht Hilla Becher jetzt? Wird sie das gemeinsame Werk allein weiterführen? Wird sie andere Dinge fotografieren? Schon jetzt haben sie und ihr Mann uns so viel über Industrie, Architektur und Fotografie gelehrt, und viele ihrer Schülerinnen und Schüler sind selbst berühmte Fotografen geworden (siehe Andreas Gursky, Candida Höfer, Thomas Ruff, Thomas Struth …).

Weitere Informationen zu Hilla und Bernd Becher: