Schein und Sein bei Gantenbein

Sep 08

Die taz hat mal wieder Interessantes zu bieten. Der Schriftsteller Klaus Modick beklagt im Interview, dass „normale“, also für den Verlag schwarze Zahlen schreibende Autoren von den Verlagen nicht gepusht werden, wohl aber „Bücher und Autoren, bei denen man sich schon manchmal an den Kopf greift.“ Damit meinte er zwar den Roman von Wolfgang Joop („Im Wolfspelz“), aber tazler Frank Schäfer erwähnt in diesem Zusammenhang vermeintliche oder tatsächliche Fälschungsfälle bei Eichborn, wie etwa Asfa-Wossen Asserate mit seinem Manieren-Buch. Ich: „Wie? Asserate eine Erfindung? Sein Manierenbuch gefälscht? Donnerwetter! Das wurde doch jahrelang in den Feuilletons gefeiert, von der FAZ bis zur Brigitte! Und der Autor existiert wirklich!“

Nun, offenbar gab es Gerüchte, das Buch habe nicht der Prinz selbst verfasst, sondern entweder sein gewitzter Freund Martin Mosebach oder Hans-Magnus Enzensberger, in dessen Anderer Bibliothek das Buch zuerst erschienen ist. Diese Diskussion ist komplett an mir vorbeigegangen, wie ich zugeben muss. Macht auch nichts. Ich habe das Buch nicht gelesen, aber immer aufgehorcht, wenn daraus zitiert wurde, und die Zitate gefielen mir, auch wenn „Benimm“ nicht gerade mein Spezialgebiet ist. Gern glaubte ich an den äthiopischen Prinzen, der den Deutschen charmant, galant und ganz ungenant Manieren beibringt. Sein Buch erschien mir wie eine konsequente Fortsetzung des Blicks der Kolonisierten auf die Kolonialisten obwohl Äthiopien nie deutsche Kolonie war, aber diese Feinheiten lassen wir mal beiseite, eine Sichtweise, die ja schon zuvor in dem einen oder anderen Film vorgekommen war. Nun soll Enzensberger oder Mosebach das Buch geschrieben haben? Vielleicht liegt den Gerüchten auch nur wieder das deutsche Überlegenheitsgefühl zugrunde, ein Afrikaner könne doch gar nicht so schön deutsch schreiben … Auf jeden Fall wäre die Fiktion futsch.

Gantenbein: „Ich stelle mir vor …“

Das ganze Spiel um Schein und Sein passt zu dem Buch, das mich gerade in der S-Bahn begleitet: „Mein Name sei Gantenbein“ von Max Frisch. Darin spielt ein Erzähler, der von seiner Frau verlassen worden ist, verschiedene Geschichten durch, wie es dazu hat kommen können. Die Geschichten beginnen alle mit „Ich stelle mir vor: …“. Man versenkt sich hinein und fühlt sich wie in einem „ganz normalen“ Roman, bis man jäh aus der Fiktion gerissen wird. Da heißt es zum Beispiel plötzlich über Enderlin, der im Begriff ist, in die USA zu fliegen:

„Noch hat er die Wahl.
Ich bin für Fliegen
[…]
Ich kann mir beides vorstellen:
Enderlin fliegt.
Enderlin bleibt.
Langsam habe ich es satt, dieses Spiel, das ich nun kenne: handeln oder unterlassen, und in jedem Fall, ich weiß, ist es nur ein Teil meines Lebens, und den andern Teil muß ich mir vorstellen; Handlung und Unterlassung sind vertauschbar.“

Das Buch, 1964 erschienen, verbindet eine äußerst moderne Konstruktionsweise mit einem – in all seinen Rollen – aus heutiger Sicht durchaus antiquiert wirkenden Erzähler (lesenwert übrigens diese Rezension von Dieter Wunderlich). Dem es trotzdem gelingt, den Leser mitzureißen in seine gefühlten Erlebnisse.

Wer ist hier der Blinde?

Für mich am prägnantesten: Gantenbein, der sich nach einem Unfall blind stellt und Gefallen daran findet. Wunderbar die Beschreibung der gesellschaftlichen Situationen, in denen es darum geht, wer was sieht und wer wofür und wem gegenüber blind ist. Hoch symbolisch und gleichzeitig höchst konkret. Und witzig. Bemerkenswert, wie wohltuend Gantenbein es findet, nicht zeigen zu müssen, dass er sieht, was andere vor ihm verbergen wollen und durch seine vermeintliche Blindheit umso besser verbergen können oder zu können meinen. Virtuos, wie Frisch, indem er das Verheimlichte beschreibt, die wohltuende Bedeutung des Scheins zelebriert, auf sanft ironische Weise, fast wie ein moderner Oscar Wilde. Und dabei schafft der Autor es noch, gesellschaftskritische Passagen einzuflechten, die ganz selbstverständlich daherkommen, etwa über die Rolle ehemaliger Nazis in der Bundesrepublik (bzw. der Schweiz). Frischs Beobachtungsgabe, der scharfe Blick des vermeintlich Blinden, seine geschmeidige Prosa sind wirklich ein Genuss.

Die Frau als blinder Fleck bei Frisch?

Was mir nicht gefällt, sind die Frauen im Roman. Das heißt, eigentlich gibt es nur eine, ob sie nun Lila heißt oder Camilla Huber oder „die Contessa“, im Grunde ist es ein und dieselbe Frau. (Wie natürlich auch Enderlin, Gantenbein, womöglich sogar Burri und Svoboda ein- und dieselbe Person sind. Das Changieren zwischen verschiedenen Personen gehört zum Konstruktionsprinzip des Romans.) Doch im Kern ist die Frau im Buch dermaßen irrational, dass sie nicht glaubwürdig wirken kann. Sie ist der pure Schein (insofern ebenfalls Programm), bei allen Versuchen des Erzählers, in seiner jeweiligen Rolle hinter ihr Geheimnis zu kommen, schiebt er sie doch nur weiter ins Reich des Sprunghaften, des Oberflächlichen, des Naiven oder des nicht Verstehbaren.

Als Beispiel sei die Passage genannt, wo Gantenbein das Problem löst, dass Lila kein schmutziges Geschirr erträgt, es jedoch weder selbst wegräumt, noch damit leben kann, wenn Gantenbein es tut:

Lila ist rührend. Sie kann es einfach nicht glauben, daß keine saubere Tasse mehr in der Welt ist, nicht eine einzige. Gehn wir aus! sagt sie, um den Heinzelmännchen eine Gelegenheit zu geben … Also geht man aus … Lila kann Schmutz nicht sehen, der Anblick von Schmutz vernichtet sie.

Lila wäscht dann mal einen einzelnen Löffel oder zwei Gläser und lässt den Rest stehen, während Gantenbein, „besserwisserisch wie die meisten Männer, findet, in der Serie gehe es flinker.“ Lila wird aber traurig „wie über einen heimlichen Vorwurf“, wenn Gantenbein die ganze Küche putzt und hinterher alles blitzblank ist. Die Lösung:

Gantenbein wäscht jetzt keinen Teller und keinen Löffel mehr, wenn Lila zuhaus ist, sondern nur noch insgeheim, dann immer nur soviel, daß es nicht auffällt. Die Küche sieht aus, als kümmere sich niemand drum, und doch, siehe da, findet man stets noch ein paar Gläser, ein paar saubere Messer, immer gerade genug, und die Aschenbecher sind nie so blank, daß sie wie ein Vorwurf blitzen, nur die Asche wächst nicht zu Bergen an, die ekligen Dattelkerne darin sind verdunstet, ebenso die klebrigen Ringe von Weingläsern auf dem marmornen Tischlein; die Drucksachen, die Magazine von der letzten Woche sind verschwunden, als hätten sie ihre vergilbte Überholtheit endlich selber eingesehen – Gantenbein aber sitzt im Schaukelstuhl, eine Zigarre rauchend, wenn Lila nachhaus kommt, und Lila ist erleichtert, daß er sich nicht mehr glaubt um die Küche kümmern zu müssen.
„Siehst du“, sagt sie, „es geht auch so.“
Alltag ist nur durch Wunder erträglich.

Eine meisterhafte Schilderung, zweifelsohne, und doch bleibt darin Lila so blutleer, wirkt naiv (liebenswert naiv, aber das ändert nichts) und oberflächlich, da sie Gantenbeins Scharade nicht durchschaut, die nicht weniger Scharade ist dadurch, dass er sie als taktvoll darstellt. In Wirklichkeit ist auch Lila als Frau nur oberflächlich beschrieben. Man findet sie charmant von derselben erhöhten Warte aus, von der aus sie vom Autor geschildert wird. Oder Gantenbein bzw. sein Autor geben sich mit dem Anschein zufrieden. AUf diese Weise jedenfalls lässt er die Frauen nie näher als auf Armeslänge an sich heran, braucht sie nicht aus seiner Mystifizierung zu entlassen und kann es sich in seiner Blindheit bequem machen. Ist es also dem Autor vorzuwerfen, dass seine Erzählerrollen dem Schein huldigen, das doch Konstruktionsprinzip des Romans ist?